Das vorliegende Buch wird vom Verlag als Klassiker und Bestseller (siehe www.at-verlag) angepriesen. Richtig ist, das Buch ist erstmals 1972, vor fast 30 Jahren (!) in den USA erschienen und es wurde 1974 unter dem Titel: Das erweiterte Bewusstsein in Deutschland erstmalig verlegt. In den USA war eine sehr bewegte Zeit, die Nixon-Ära, das Land war innerlich zerrissen, viele Probleme traten sehr deutlich hervor, ein Wesentliches war der zunehmende Gebrauch von illegalen Drogen. Auch Weil schreibt in einem Vorwort (1985) über seine inneren Konflikte in dieser Zeit und er verdeutlicht, dass die Veröffentlichung ein Ergebnis der Sechziger ist, das Resultat seiner Erfahrungen als Student im College sowie als Praktikant in den Jahren 1960 bis 1969.
Das Buch ist ein beachtenswerter Versuch die Drogenproblematik durch verschiedene, andersartige Perspektiven, Blickwinkel, Sichtweisen u.ä. zu betrachten. Der Autor versucht in einzelnen Kapiteln Warum-Fragen (z.B. Kap. 2: Warum Menschen Drogen nehmen; Kap. 3: Warum sollte man keine Drogen nehmen? ) zu beantworten, was erfahrungsgemäß kaum zu realisieren ist.
Im Kap. 2 formuliert Weil eine Position wie folgt: Es ist meine Überzeugung, dass der Wunsch, das Bewusstsein von Zeit zu Zeit zu verändern, ein angeborenes normales Verlangen ist so wie Hunger oder sexuelles Verlangen. (S. 28) Und er folgert das Drogen ein Mittel sind, um dieses Verlangen zu befriedigen. Und in den folgenden Abschnitten versucht er durch eine Vielzahl von autobiographischen Erlebnissen und unterschiedlichen Erkenntnissen dies zu belegen. Er diskutiert viele Aspekte an (z.B. verschiedene Bewusstseinszustände; Unterschiede zwischen Drogenmissbrauch und gebrauch; Toleranzentwicklungen; Flashbacks; Angstzustände u.a.). Auch erklärt er seine Ansicht über die Wirkungslosigkeit von Methadon in der Behandlung von Heroinsüchtigen (S. 73, 170), die aus heutiger Sicht von vielen Fachkräften in der Suchtkrankenhilfe wahrscheinlich nicht geteilt wird.
Das 4. Kapitel Zum Beispiel Marihuana ist möglicherweise für viele besonders junge Leser von besonderem Interesse, da Weil versucht die Vorzüge des Gebrauchs von Marihuana herauszuarbeiten und dies z.B. im Vergleich zu Alkohol beschreibt. Sehr informativ im gesamten Buch sind seine häufig dargelegten persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Substanzen (z.B. Marihuana, Alkohol, LSD, Pilze u.a.).
Seine Erörterungen im folgenden Kap. 5: Kein Drogenproblem am Amazonas enthalten eine Vielzahl von bemerkenswerten Erfahrungen und Informationen über den Umgang der Einwohner in Brasilien und Peru mit verschiedenen psychoaktiven Pflanzen. Seine Verallgemeinerungen zur Verwendung von Drogen (vgl. S. 106 ff) erinnern in vielen Aspekten an die gegenwärtigen Regeln für einen risikomindernden Gebrauch von Drogen.
In den zwei folgenden Kapiteln erfolgt eine ausführliche Diskussion der Begriffe: Straight und Stoned beginnend mit semantischen Aspekten und weiterführend in Bezug auf Denkprozesse. Straightes Denken ist gewöhnliches Denken (S. 111) schreibt Weil und er beschreibt fünf Tendenzen für diese Denkart. Weiterhin diskutiert er u.a. den psychosomatischen Charakter aller Krankheiten, was an die Veröffentlichungen des Psychoanalytikers Georg Groddeck aus den 20ziger Jahren erinnert. Stoned Denken ist das Gegenteil straighten Denkens. (S. 136) so beginnen Weils Erörterungen über diese Denkart, welche sich alle möglichst zu eigen machen sollten. Er diskutiert Positionen zur Intuition, zur Ambivalenz und Unendlichkeit, welche das stoned Denken beschreiben. Des weiteren schildert er acht verschiedene Auffassungen (z.B. Beherrschen des autonomen Nerven-systems, wahren Ursachen von Krankheiten, über allgemeine Anästhesie, Synthese östlicher und westlicher Geisteshaltungen u.a.).
Im 8. Kapitel: Die einzige Lösung des Drogenproblems versucht Weil eine Zusammenfassung und entwickelt Überlegungen die derzeitig im Bereich der akzeptierenden Drogenarbeit teilweise ihren Niederschlag gefunden haben. Dabei erörtert er auch sehr kritische Positionen zur Synanon-Methode (S.171).
Er schließt mit: Drogen wird es immer geben. Bekämpft sie, und sie werden immer destruktiver werden. Akzeptiert sie, und sie können in ungefährliche, ja sogar nützliche Kräfte verwandt werden. (S.179)
Weil hat mit dieser frühen Veröffentlichung einen Grundstein für seine teilweise sehr provokativen späteren Werke gelegt. Das Buch bereichert erheblich die Diskussion über den Gebrauch von Drogen und den gesellschaftlichen Umgang damit. Das Lesen, besser möglicherweise das Studieren des Werkes, kann einen Beitrag zum Erlangen neuer Ansichten leisten. Es liest sich sicher nicht leicht und dennoch bereitet es Lust und verlangt nach mehr.
Dr. W. Kursawe