- Gebundene Ausgabe: 500 Seiten
- Verlag: C.H. Beck Verlag (Januar 1999)
- ISBN-10: 3406435068
- ISBN-13: 978-3406435065
- Größe und/oder Gewicht: 22,4 x 15 x 3,8 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.109.624 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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Die Bevölkerung, inklusive Kirchen und wissenschaftlicher Elite, akzeptierte dabei in der Mehrheit einfach die vom Regime unternommenen Schritte gegen die Juden und sah weg, wenn's brenzlig wurde. Dabei begrüßte sie durchaus die erstaunlichen Ausflüsse bürokratischer Korrektheit, wie z.B. die Nürnberger Gesetze, als Beitrag zur Rechtssicherheit und zur Konsolidierung der Beziehungen zwischen "Ariern" und Juden.
Hoch interessant ist dabei das Verhalten der meisten Opfer, die, sonst an herkömmliche antijüdische Ausschreitungen gewöhnt, die Radikalität der neuen Machthaber offenbar nicht begreifen konnten und wollten. Es gab Unverständnis bei vielen Juden, die selber deutsch bis auf die Knochen waren und im vorangegangenen Weltkrieg ihren Blutzoll fürs Vaterland entrichtet hatten. Die Zionisten sahen hingegen in der NS-Politik auch Vorteile für die eigene Sache.
Friedländers Verdienst ist eine historische Darstellung des Prä-Holocaust, in der die Täter sowie die sie umgebende Gesellschaft und die Welt der Opfer in einem einzigen Rahmen stehen. Äußerst lesenswert und zu weiterer Lektüre anregend. --Jürgen Grande -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Damit das Wissen kommt
Saul Friedländer über die Judenverfolgung
Das Verhalten der gewöhnlichen Deutschen und die Leiden der Opfer während des nationalsozialistischen Regimes sind in den letzten Jahren wieder verstärkt in den Blick der historischen Forschung geraten. Saul Friedländer, Professor an der Universität Tel Aviv und an der University of California, Los Angeles, ist wahrlich nicht der erste, der die Frage stellt, wieso gerade von Deutschland einer der grössten Völkermorde der Geschichte ausging. Aber sein jetzt in einer bis auf Kleinigkeiten vorzüglichen deutschen Übersetzung erschienenes Buch (die englische Originalfassung besprach Walter Laqueur ausführlich in der NZZ vom 10. 5. 97) ist der erste Versuch einer Gesamtdarstellung des Schicksals der Juden während der NS-Diktatur von 1933 bis 1939.
Das Ziel des Autors ist hochgesteckt: Er will die sich radikalisierende Entwicklung in den verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bereichen darstellen und dabei gleichermassen die Perspektive der Täter, Opfer und Zuschauer berücksichtigen. Das gelingt ihm in beeindruckender Weise, denn er erliegt weder der Gefahr, die Nazi-Täter zu dämonisieren, noch der, die nichtjüdische Bevölkerung undifferenziert zu verdammen. Friedländer misst dem Antisemitismus zwar eine zentrale Bedeutung bei, ist aber fern davon, Goldhagens plumpe These vom Holocaust als dem «nationalen Projekt» der Deutschen zu übernehmen. Erschreckend vielen Zeitgenossen, auch wenn sie keine Nazis waren, erschien die Zurückdrängung des vermeintlich übermächtigen jüdischen Einflusses zwar notwendig, trotzdem war die wachsende Popularität Hitlers nicht das Resultat der antijüdischen Massnahmen. Sie wurde aber auch nicht ernsthaft durch sie beeinträchtigt. Die Indifferenz, mit der die Mehrheit die schrittweise Entrechtung der Minderheit hinnahm und häufig persönliche Vorteile daraus zog, ist nicht weniger beklemmend als die Vorstellung, hier sei ein Kollektiv fanatischer Judenhasser am Werk gewesen. Im Gegenteil: dass es gar kein Volk von Verbrechern braucht, um eine verbrecherische Politik zu betreiben, ist eine ausgesprochen beunruhigende Erkenntnis.
Eine weitere Stärke dieses Buches ist neben dem durch den internationalen Vergleich geweiteten Horizont, dass die Perspektive der Opfer gewissermassen gleichberechtigt neben der der Täter steht. Mit Einfühlsamkeit, jedoch ohne billige Effekthascherei erzählt Friedländer von den Auswirkungen der sich radikalisierenden Verfolgungsmassnahmen auf die deutschen Juden. Ihre verzweifelten Versuche, sich entweder mit den permanent schlechter werdenden Lebensbedingungen immer wieder zu arrangieren oder den Weg aus Deutschland zu suchen und dabei meist auf verschlossene Türen zu stossen, werden in anrührender, aber nie sentimentaler Weise erzählt. Es wird interessant sein zu sehen, ob Friedländer diese erzählerische Balance in dem angekündigten zweiten Band, der die Kriegsjahre und mit ihnen den Schritt von der Verfolgung zur systematischen Ermordung behandelt, halten kann.
Wer den Ursprung von Friedländers engagiert-humanistischem Geist, der aus seiner wissenschaftlichen Arbeit spricht, verstehen will, sollte auch einen Blick in sein zeitgleich als Neuauflage herausgegebenes Memoirenbändchen «Wenn die Erinnerung kommt» werfen (erstmals 1978 in Paris erschienen). Der Weg des zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt als Kind deutschsprachiger Juden in Prag geborenen Jungen, der seine böhmische Heimat verlassen musste und unter falschem Namen in einem katholischen Internat in Frankreich überlebte, gehört zu den paradigmatischen Schicksalen unseres Jahrhunderts. In literarisch anspruchsvoller Verschränkung von Innen- und Aussenperspektive, von Rückblende und Gegenwartserzählung werden die Ereignisse der «grossen» Politik im Europa der Zwischenkriegs- und Kriegszeit und aus dem Israel des Jahres 1977, während der Anbahnung des israelisch-ägyptischen Friedensprozesses, verknüpft. Friedländers Memoiren handeln von Verfolgung und Selbstbehauptung, Anpassung und Selbstfindung, Judentum und Zionismus. Sie berühren den Leser unmittelbar, weil sie vom Leben und Überleben des modernen Menschen in unserem Jahrhundert erzählen, das so grosse Hoffnungen auf Fortschritt und Befreiung weckte und sie doch in dem finstersten Leichenzug der Weltgeschichte zu Grabe trug. «Wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. Wissen und Erinnerung sind dasselbe»: Dieses Zitat von Gustav Meyrink steht Friedländers Memoiren voran. Es bleibt auch an der Schwelle zum utopielosen 21. Jahrhundert aktuell.
Christoph Jahr -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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