"Drill" - nach dem Vorgänger "Decoder" die zweite, rein instrumentale Auskopplung des unter der Regie von Bill Leeb und Rhys Fulber geführten "Noise Unit" - Projekts - ist zweifelsohne kreativer Höhepunkt einer Nebenprojektkarriere. Hatte zuvor das Sideprojekt der Frontline Assembly - Akteure im Zuge anderer Veröffentlichungen nicht selten der Eindruck vermittelt als Auslagerungsstelle für Tracks zu dienen, die auf FLA-Alben keinerlei Verwendung finden konnten, scheint spätestens mit "Drill" dieser Bann gebrochen - wobei freilich auch "Drill" seine Verwandtschaft zum großen Bruder nicht gänzlich verleugnen kann. In Punkto Eigenständigkeit und Kompromisslosigkeit dürfte die insgesamt vierte Veröffentlichung im Noise Unit - Universum jedoch über jeden Zweifel erhaben sein: Leeb und Fulber erzeugen auf "Drill" eine fast irre anmutende Mixtur aus unterschiedlichsten Versatzstücken, dass es vor Energie und Ideen nur so sprudelt. "Drill" ist eines der Alben, die nie zur Ruhe kommen und den so selten gewordenen Eindruck vermitteln, dass das verwendete Material sich bequem auch auf zwei Alben hätte strecken lassen können.
Wer sich im Unwetter der insgesamt neun Tracks auf die Suche nach der freien Stelle, nach einem Moment des Innehaltens begibt, muss wohl oder übel auf die zweisekündigen Pausen zwischen den einzelnen Stücken warten. Ob nun aber rumpelndes Gitarrengewitter, die hektische und verschachtelte Rhythmik, die hervorplatzenden sphärischen Melodieläufe, das Gewirr der Samples und Sprachfetzen - die Stücke auf "Drill" zerfließen und verbreien nie im Nirgendwo. Das liegt wesentlich auch daran, dass die Tracks letztlich tatsächlich konservativ in ihrer Struktur bleiben - das Prinzip von Strophe und Refrain ist beinahe allen Stücken auf "Drill" gemein, wenn auch nicht immer gleich erkennbar. Da mag es noch so sehr an allen Ecken rumpeln und krachen - Leeb und Fulber inszenieren das strukturierte Chaos von der ersten bis zur letzten Minute und verlieren den Song dabei nie aus den Augen. Dass sie darüber hinaus nicht verpasst haben, ihrer Produktion die notwendige Portion Dreck zwischen die Räder zu mischen, verleiht den neun Stücken auf "Drill" den letzten besonderen Schliff.
Anspieltipps für einen repräsentativen Querschnitt sind der Opener "The Drain", das wuchtige "Miracle", im Kontrast dazu das verschachtelt schleppende "Neuron" und Other World, das sich tatsächlich als tanzflächentauglich erweist. Fraglos ist aber: Wer sich diesem Album nähert, sollte Zeit mitbringen. Dass es sich lohnt, steht dabei ebenso außer Frage.