Zwischen 1990 und 1991 wanderte bzw. fuhr Werner Kohlert mit einer gestifteten Videokamera durch die sächsische Hauptstadt, um die damals noch allerorts sichtbaren Spuren der Verwahrlosung, des Verfalls, aber auch des Aufbaus zu Zeiten des DDR-Regimes festzuhalten.
Nun, knapp 20 Jahre später, ist von alledem in Dresden kaum mehr etwas geblieben. Die Schandflecken sind großteils verschwunden, Ruinen abgetragen, Baulücken geschlossen und die alte barocke Herrlichkeit der Altstadt samt Frauenkirche erstrahlt längst wieder in altem Glanz. Umso stärker die Wirkung, die Werner Kohlerts Film heute haben muss, sind doch Schönheit, Pracht und Vielseitigkeit für Bewohner wie Gäste der Elbe-Metropole längst Normalität geworden, erinnern sich nur jene jenseits der 30 noch an das Antlitz der Stadt zu jener zweifelhaften Zeit vor über 20 Jahren:
Überall Ruinen, die noch halbwegs intakte Bausubstanz schutzlos dem Verfall überlassen, Kriegsbrachen und Innenhöfe, die langsam aber sicher vermüllten, Dachwohnungen, in denen es durchregnete, marode Gas- und Stromleitungen. Das Schloss und die Innenstadt- großteils das reinste Trümmerfeld: Werner Kohlert hat dies alles schonungslos eingefangen.
Interregnum strahlt über weite Strecken eine niederschmetternde Tristesse aus, die Zeichen des Verfalls - gerade in der Innenstadt und der äußeren Neustadt - sind einfach zu gravierend, ein zu starkes Konstrastprogramm zu heutigen Schönheit und Raffinesse dieser Viertel. Für mich als Ur-Dresdner weckt der Film aber auch Kindheitserinnerungen, spätestens dann, wenn plötzlich Fenster und Balkon jener Wohnung in der Neustadt vor meinem Auge auftauchen, in der ich meine Kinderzeit verlebte, eine weitgehend sorgenfreie, erlebnisreiche Zeit, an die ich viele schöne Erinnerungen habe, die mit dem desolaten Zustand der Umgebung eng verwoben sind. Verrümpelte Hinterhöfe, Ruinen, alte Dachböden und Schuppen - das waren unsere Spielplätze.
Ein weiterer Abschnitt des Filmes widmet sich dem Neubaugebiet Dresden-Gorbitz, und somit einer weiteren Station meiner Jugend. Statt die vorhandene Bausubstanz instand zu setzen, zogen es die DDR-Oberen vor, außerhalb großflächig einzugemeinden und neu zu bauen. Das Resultat: trostloser Mietkasernen-Charme zwischen Schlammhügeln und Bauschutt.
Einigermaßen störend empfand ich am Film die doch sehr gewöhnungsbedürftige, streckenweise arg melancholische Hintergrundmusik. Während die Stimmung der Bilder zwischen der doch zumindest ansatzweise vorhandenen Noblesse der Inner City, dem Grün des Alaunplatzes, den Gründerzeitbauten der Neustadt und der Tristesse des Beton-Gettos wechselte, blieb die Hintergrundmusik immer gleich, getragen von einer trauermarsch-ähnlichen Grundstimmung, unterbrochen von einzelnen apokalyptisch anmutenden Heultönen, bei denen einem kalt der Schweiß ausbrach. Mir persönlich hat das eine depressive Stimmung verursacht, die im Widerspruch zu den vielfältigen, gemischten Erinnerungen stand, die die Bilder in mir auslösten. Auch die regelmäßig wiederkehrenden Unterbrechungen durch die eingespielten Baudelaire-Zitate wirkten etwas fehl am Platze in dem ansonsten in ebenmäßiger Abfolge dahinströmenden Zug von Bildern, obgleich sie inhaltlich sehr gut auf die Bilder abgestimmt sind. Vielleicht hätte man es bei eingeblendeten Untertiteln ohne narratives Element belassen sollen.
Allemal aber ist der Film eine bewegende Reise in die Vergangenheit für Alteingesessene sowie ein selten gewordenes, geöffnetes Fenster mit Blick zurück für all jene, denen der Zustand dieser schönen Stadt zu DDR-Zeiten nicht geläufig ist.