Die Hörproben klangen vielversprechend, überrascht war ich trotzdem. Versetzt wird man in die 60er und 70er Jahre: ein heute nicht mehr existierender toller Sound vom ersten bis letzten Ton Dank eines unter Jul Märkl fuliminant aufspielenden, 130 Musiker starken MDR-Sinfonieorchesters - vollmundige Klänge wie in besten Barry White Tagen.
Für die dementsprechenden Arrangements der Soulhits sorgte Larry Gold, ein Urgestein des amerikanischen Phyllisounds (weiche, streichergetragene Pop-Spielart des Soul) gemeinsam mit seinem Schwiegerson Daniel Felsenfeld, einem Komponisten zeitgenössischer Klassik. Sie liefern einen authentischen Mix - besser und näher geht es kaum.
Das klassische Sinfonieorchester zeigt sich erfreulich offen für die improvisierende Rock-Band und die hervorragenden stützenden zwei Chöre - eigentlich zu schade, um sie nur "Background" zu nennen: der MDR Kinderchor (nebenbei: den sollte man umbenennen in Jugendchor) im Hintergrund sowie vier auch in diesem Musikgenre bzw. solistisch erfahrene Sänger aus dem U.K. und den USA direkt an der Rampe - Jemma Endersby, Nicole Hurst, Sewuese Abwa und Ricardo Williams.
Bestens aufgelegte Solisten sorgen für einen mitreißenden Hörgenuss. Deutschlands Soulikone Nr. 1, Joy Denalane, durfte sich ihre Traumpartner mit aussuchen: Bilal, Dwele und die Sängerin Tweed (= Charlene Keys, bekannt aus ihrer Zusammenarbeit mit der Rapperin Missi Elliot) - sämtlichst Amerikaner und der Neo-Soul-Szene angehörend, die bis dato z. T. noch nie eine derartige Session performt hatten und mit sehr viel Elan und Sangesfreude an die Sache gingen.
Wenngleich manche Interpretationen der relativ jungen Künstler stimmlich nicht an die ihrer großen Vorbilder heranreichen, eine tiefe Charakterstimme der vokalen Seite eine zusätzlichen Soulkick verpasst und ich mir bei Songs wie z. B. Ray Charles` I got a woman mehr Akzentuierung und einen noch knackigeren Bläsersatz gewünscht hätte, so macht es doch sehr viel Spass, dem Ganzen zuzuhören. Wen es dabei noch auf dem Stuhl hält, der ist selber schuld! Ungeachtet dieser kleinen Anmerkungen verdient die künstlerische Seite dieses bislang weltweit einmaligen Live-Projektes 5 Sterne.
Den bereits in anderen Rezensionen angemerkten Kritikpunkten zur vernachlässigten technischen Qualität der DVD muss ich mich anschließen und leider Punktabzug vornehmen. Unverständlich, dass der MDR die DVD zu solch einem ungewöhnlichen Projekt nicht selbst produziert hat, die dann sicherlich professioneller ausgefallen wäre. Die rauschige Bildqualität erinnernt an Laienaufnahmen. Der Ton genügt eher durchschnittlichen statt Topansprüchen. Die Features sind ebenfalls nicht gerade das Gelbe vom Ei: Die DVD hat (bei mir?) weder einen "ordentlichen" Beginn noch ein Ende und die hakelnde Menüführung nervt, egal, womit man das Teil abspielt. Neben einer vierminütigen Slideshow (die Bildqualität ist deutlich besser als die des Videos) gibt es ein Making of mit Interviews (26 Minuten), beides nicht direkt in sich steuerbar. Dabei sind die in Deutsch geführten Interviews englisch, die englischsprachig geführten hingegen nicht deutsch untertitelt - im Gegensatz zum bei Amazon eingestellten Promotionclip. Neben dem eigentlichen Konzert gibt es ein in die einzelnen Songs hinein kommentiertes Konzert in Auswahl Englisch oder Deutsch. Die Kommentare entsprechen den Booklettexten, die wiederum nur in Englisch verfasst sind. Das 24seitige, umfassend bebilderte Booklet (stabiles, großes DVD-Hartcoverformat) ist sehr dunkel gehalten und schlecht lesbar. Es scheint sowieso eine zunehmende Unsitte in der Branche zu sein, dass man dem Lesewilligen Unleserliches bzw. Fliegenschissoptik via Booklet zumutet. Aber wie gesagt - stattdessen kann man sich 1 Stunde und 11 Minuten lang auch mit einem kommentierten Konzert vergnügen ... Zur Not gibt es auf der Homepage von Radio MDR-Sputnik noch ausführliche Berichte zu diesem Event vom April 2008 im Dresdner Schlachthof.
Überhaupt und bei der gegenwärtigen Preisgestaltung sowieso (DVD allein kostet 6 Euro mehr als CD oder Ltd. Edition) lohnt es sich allemal zur Ltd. Edition mit CD und DVD zu greifen. Die Musik macht alles wett - den (in dem Fall etwas verqueren)Gedanken hatten wohl auch die Macher ... Warum man mit so toller Musik, deren Aufführung immerhin über ein Jahr der Vorbereitung bedurfte, nicht auf Tour geht, bleibt eine andere offene Frage.