Ein melancholisches, aber keineswegs rührseliges Epos über das Schicksal der Cherokee-Indianer im 19. Jh. hat Charles Frazier mit Dreizehn Monde geschrieben.
Die Geschichte des Will Cooper und seiner indianischen Freunde aus dem Stamm der Cherokee, deren Kultur und Lebensweise er kennen und schätzen lernt, verwebt der Autor von Seite zu Seite immer intensiver mit dem rücksichtslosen Expansionsdrang der Weißen, die die Indianer-Nationen in den noch kaum besiedelten Westen Amerikas deportieren.
In den Sog von Ausbeutung und Vertreibung wird auch Will hineingezogen.
Charles Frazier beginnt seinen neuen Roman äußerst eindrucksvoll. Der Ich-Erzähler Will Cooper empfängt uns im hohen Alter zur Abendzeit in seinem Haus, in dem er allein mit seinen Erinnerungen lebt:
"Es gibt kein schmerzloses Entrücktsein. Die Liebe und die Zeit haben mich in diesen Zustand versetzt. Bald breche ich auf in das Nachtland, in das überzuwechseln alle Geister von Menschen und Tieren sich sehnen. ... Ich liege im Dunkeln im Bett und lasse die Vergangenheit über mich hinwegfegen wie nadelfein stechende, stürmische Regenschauer. Ich lasse mich von der Schwerkraft in die Tiefe ziehen, und bald schon atme ich kaum noch. Übe für das Nachtland."
Grandiose Landschaftsbilder, eine wilde Liebe und die brutale Vertreibung der Cherokee-Indianer aus dem heutigen Bundesstaat Georgia hat Charles Frazier in seinem Roman Dreizehn Monde kunst- und kraftvoll miteinander verwoben.
Dabei fühlt sich der Leser keineswegs mit dem erhobenen Zeigefinger belehrt: gut und böse, arm und reich, traditionsverbunden und fortschrittsgläubig - nirgends gilt «entweder-oder» in diesem Buch, nicht einmal bei der Frage, ob jemand Indianer oder Weißer ist.
Auch andere Stereotype lässt Frazier bröckeln. Es gibt Indianer, die Sklaven aus Afrika ausbeuten, und Weiße, die ihre indianischen Wurzeln verleugnen. Es gibt den Mann der Bücher, der doch böse ist, und den Mann, der sich wie ein dummer Junge benimmt und doch als weiser Häuptling handelt. Und es gibt die Mahnung an alle, die sich zum Herrn über die Natur aufschwingen, damals wie heute.
Dieses Buch bewegt sich wohltuend fernab jeglicher Wild-West-Manier und spannender Allerwelts-Abenteuerromane. Frazier hat ein wunderbar "Orchesterwerk" komponiert; mal leise und melancholisch, aber keineswegs rührselig, dann wieder kraftvoll und vorwärtstreibend, aber immer harmonisch. Dabei weiß er kunstvoll mit zahlreichen Metaphern zu pointieren.
Eindrucksvoll und wortgewaltig gelingt es dem Autor, dass der Leser während und nach der Lektüre andächtig den Atem anhält. Es ist eine Geschichte voller Farben und Gerüche - ein olfaktorisches Farbspektrum, fließend und wechselhaft.
Das Titelbild wird in einer Szene derart detailgetreu wiedergegeben, dass man es vor seinem inneren Auge wahrnehmen kann, ohne das Buch wenden zu müssen.
Unbedingt erwähnenswert und hervorzuheben ist die erstklassig-schöne Übersetzung von Sabine Lohmann und Andreas Gressmann, die den geschliffen-trocken-präzisen Stil von Charles Frazier großartig ins Deutsche übertrugen.
Mein Fazit: Wer Bildungsromane mag, wer sich an detailreichen, bildhaften Schilderungen verschiedener Landschaften erfreuen kann, wer einen tiefen Einblick in fremde Kulturen gewinnen möchte - der ist bei Dreizehn Monde bestimmt richtig.
Frazier hat ein eindrucksvolles Gemälde der damaligen Zeit geschaffen, was noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Das Buch hat es verdient, für sich zu stehen.