Fast zehn Jahre nach ihrem letzten Science Fiction Roman noch im Argumentverlag erscheint ein fast" neues Werk aus der Feder der in der Nordheide lebenden deutschen Cyberpunkautorin Myra Cakan in der Edition Phantasia". Der Roman basiert auf dem 2006 verfassten und vom WDR ausgestrahlten Hörspiel Schieß mich zum Mars, Liebling". Wer aber eine reine Adaption für ein anderes Medium erwartet, wird positiv überrascht.
In Interviews hat sich Myra Cakan zu ihrer Vorliebe für die amerikanischen Screwballkomödien der dreißiger Jahre bekannt. Nach dieser Struktur ist der Roman auch aufgebaut, wobei die Integration eines Mordes ab der Mitte der Geschichte eher wie ein Kompromiss denn ein überzeugend extrapoliertes Handlungselement erscheint. Die Strukturen sind aus diesem im Herzen amerikanischen Subgenre bekannt und die Autorin folgt ihnen positiv sklavisch. Der Autor versammele eine überschaubare Gruppe sehr unterschiedlicher wie skurriler Charaktere an einem am besten isolierten oder in einem abgeschlossenen Raum. Folgerichtig entwickelt sich von alleine einer nicht mehr zu beeinflussende eine chaotische wie lustige Abfolge von Ereignissen, in deren Verlauf insbesondere Sitten und Gebräuche durch den Kakao gezogen werden.
Der Titel ist nicht ganz richtig, denn die Handlung spielt während des Hinflugs zum Planeten Proxima Centauri an Bord des Luxusliners Stern von Beteigeuze". Geschickt führt Myra Cakan einzelne Protagonisten aus der Perspektive des routinierten Stewards ein. Seine lakonischen wie professionellen Bemerkungen geben den humorvoll satirischen Ton der Geschichte vor. Diese Kommentierung des Geschehens aus dem Off" wird allerdings im Verlaufe des Plots fallen gelassen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diese Figur als eine Art ordnenden Rahmen durchlaufen" zu lassen. Als Einführung gelungen, zumal die bizarren Figuren schnell ein Eigenleben entwickeln. Hinzu kommt fast wie ein ironischer Griff in die Klischeekiste der obligatorische blinde Passagier. In diesem Fall eine entlaufene verwöhnte Adlige, die sich als Süßigkeiten stehlender Geist" durch die Handlung schleicht.
Das größte Augenmerk zieht anfänglich allerdings die Diva Madame Halcion auf sich, die auf der einen Seite mit ihrer divenhaften Art nicht nur ihre Angestellte Mimsy Mimkovsky zu nerven beginnt, sondern vor allem bei den Proben der traditionellen Bordrevue - eine Beschäftigung gegen die Langeweile im Raum - Schieß mich zu Mars, Liebling" mit ihren unorthodoxen Entscheidungen weit über das Ziel hinaus schießt. Myra Cakan beschreibt sie als Frau, deren künstlerische Blütezeit in der Vergangenheit liegt und die eher mit ihren eingebildeten Krankheiten sowie ihrem exzentrischen Charakter zu Punkten sucht. In ihrem Schatten leidet ihre einzige Angestellte Mimsy Mimkovsky, die musikalisch unerfahren eine tragende wie tragische Rolle bei der Inszenierung übernehmen soll. Auf den ersten Blick ist Mimsy der bodenständigste Charakter an Bord der Stern von Beteigeuze". Sie muss sich gegen einen sehr aufdringlichen Verehrer zur Wehr setzen, der ihre Naivität auszunutzen sucht. Myra Cakan macht einen großen Bogen um all zu kitschiges Komplimente machen" und bügelt die aufgesetzt wirkende Romanze absichtlich gegen den Strich. Im Laufe der Reise wird Mimsy Mimkovsky allerdings nicht nur unerfahren wie sie ist zur Übernahme einer tragenden Rolle in der Bühnenproduktion verurteilt, sondern in einer eher typisch amerikanischen Wendung mit ihrer Vergangenheit, bis sie - während das Schiff das Ziel erreicht - in den Hafen der Ehe geleitet. Mimsy Mimkovsky wird von Myra Cakan ausgesprochen sympathisch beschrieben. Sie agiert vielleicht manchmal ein wenig zu naiv.
Sie ist nicht der einzige Charakter, den der Leser intellektuell eher im viktorianischen England denn in der fernen Zukunft zwischen den Sternen ansiedeln würde. Dieser Kontrast ist sicherlich reizvoll, der Bogen wird aber bei einer anderen Figur zu stark zu Lasten der Nerven des Lesers überspannt. Aber aus dem Kontext heraus ist Mimsy überzeugend und dient auch als Gegengewicht zur der Ansammlung von absichtlich übertriebenen gezeichneten Klischees".
Das beginnt mit den frisch Vermählten, wobei der Mann inzwischen an dem Sinn der Ehe zweifelt. Seine Frau ist eine typische dumme Nervensäge, die sich höchstens mit wertvollen Geschenken bestechen lässt. In der Gegenwart würde man vom Sinnbild einer Blondine sprechen. Das der Geduldsfaden bei ihrem Mann inzwischen sehr dünn geworden ist, passt in das Bild. Aus diesem Szenario macht die Autorin zu wenig, hier böten sich als Warnung vor der Ehe eine Reihe von Kalauern an, die am Ende des Buches Mimsy trotzdem nicht abschrecken, in den entsprechenden Hafen wie beschrieben einzulaufen.
Die freche Rotzgöre, welche vom Kapitänsdinner bis zum Sportturnier alles durcheinanderbringt, soll als eine Art Running Gag dienen. Das Kind, das potentielle zukünftige Eltern abschreckt und die Eigenen ratlos zurücklässt. Das Eingreifen eines genervten Mannes wird von der Autorin effektiv wie vom Leser längst erwartet beschrieben.
Der dicke sich von den Passagieren isolierende Mann auf dem 35. Deck, der natürlich ein Geheimnis mit sich trägt, das schwerwiegender ist als es der interessierte Steward ahnen kann. Es bleibt eine Chiffre. Sein Schicksal dominiert Teile der Handlung, ohne das die Auflösung dieses Handlungsarms wirklich überzeugend ist. Hier erwartet der Leser ein wenig mehr als die Gangster unter Gangster Story, zumal die Tatwaffe eher als eine Art MacGuffin durch zahlreiche Szenen geistert. Auch löst die Tat nicht das ganz große Chaos aus, sondern dient eher als Vorlage für einige makabere Bemerkungen
Die blinde Passagierin, die hungernd leidend anfänglich Süßigkeiten und später Croissants stiehlt, ist sich ihrer Status als Adlige bewusst. Während ihre Motive noch einigermaßen nachvollziehbar herausgearbeitet worden sind, gelingt es Myra Cakan leider zu wenig, aus ihrer interessanten Figur mehr zu machen. Sie wirkt abschließend zu eindimensional, so dass dieser Handlungsbogen eher Füllmaterial ist und nur die rudimentärsten Erwartungen an Geschichten an Bord von Luxuslinern" egal ob Raumschiff oder Schiff erfüllt. Die oben näher vorgestellten Protagonisten sind aber nur ein Teil eines ganzen Reigens von teilweise sehr frech gezeichneten Figuren, die entweder an Bord des Luxusliners arbeiten - hier seien die Schiffärztin und der mit offenen Augen manchmal schlafende Captain expliziert genannt - oder ebenfalls zum Proxima Centauri reisen.
Ursprünglich als Hörspiel konzipiert sind die einzelnen menschlichen Dramen sehr stringent niedergeschrieben worden. Die einzelnen Spannungsbögen laufen am Ende in einer insbesondere für Screwballkomödien eher gesitteten Art und Weise zusammen. Der Leser vermisst die letzte überraschende wie überdrehte Wendung, die Film wie Leoparden küsst man nicht" oder Die Falschspielerin" so auszeichnet. Manchmal hängt Dreimal Proxima Centarui und zurück" auch plottechnisch ein wenig durch, die markanten und signifikant niedergeschriebenen Dialoge können das nicht immer ausgleichen. Manchen Wortspielereien merkt man ihr Alter auch an und die falsche Wiedergabe von teilweise geflügelten Worten inklusiv der umgehend erfolgenden Richtigstellung kann auch ermüdend sein. Wenn sich Myra Cakan in dialogtechnischer Bestform präsentiert, ist der vorliegende Roman eine sehr vergnügliche Farce. Andere Passagen wirken insbesondere humortechnisch manchmal zu sehr gezwungen. Die Hintergrundbeschreibungen sind dagegen durchgängig pointiert. Manchmal wird der Leser unwillkürlich an Luc Bessons Raumschiff aus Das fünfte Element" erinnert, wobei Cakans Charaktere lebendiger und der Humor deutlich treffender und weniger breit gefächert ist. Vielleicht ist aus der Gegenwart einfach in diese ferne Zukunft übertragen worden. Diese Vorgehensweise wirkt auf der einen Seite ohne Frage vertraut, aber auf der anderen Seite viel eher entscheidend aber auch kontraproduktiv. Es reicht nicht, signifikante Handlungsmuster der Screwballkomödie einfach vor einem anderen, in diesem Fall futuristischem Hintergrund ablaufen zu lassen. Douglas Adams Raumschiff Titanic" Roman leidet unter einer vergleichbaren Schwäche. Als Parodie auf das Genre ist der Roman zu sehr an Hand der Vorlagen geschrieben worden. Immer wieder agieren ihre Figuren zu menschlich, zu bekannt. Der Schuss Exotik fehlt. Auf der anderen Seite hat man lange nicht mehr einen Roman mit derartig positiv humorvollen unterhaltsamen Dialogen gelesen, in dem schrecklich exzentrische Figuren auf engsten Raum miteinander auskommen müssen. Als Hörspiel funktioniert Dreimal Proxima Centauri und zurück" sicherlich noch besser, als Roman eine mit den angesprochenen Einschränkungen empfehlenswerte Lektüre, die qualitativ an die vier vor einem Jahrzehnt (!) veröffentlichten sehr unterschiedlichen Arbeiten heranreicht.