Wer wissen will, was Storm gegenüber anderen Dichtern auszeichnet, der sollte nur das Gedicht "Im Herbste" lesen. Storms Gedichte leisten das, was gute Lyrik leisten sollte, aber allzu selten erreicht: sie treffen ins Gemüt.
Die Sammlung insgesamt ist streckenweise ein bisschen betulich geraten, es finden sich allzu viele verniedlichende Gedichte im Mittelteil, hier hätte ein wenig Streichen geholfen. Auch viel Altbekanntes und Triviales: "Weh wie so bald des Sommers Lust verging / O komm wo bist du weißer Schmetterling") oder "Bald ist unser Lebenstraum zu Ende / Schnell verfließt er in die Ewigkeit / Reicht zum frohen Tanze euch die Hände / Tut's geschwinde, sonst enteilt die Zeit".
In der schieren Masse der Gedichte finden sich arge Plattheiten, und das liegt nicht am Dialekt. Hier wurde dem Dichter der Tort angetan, alles zu veröffentlichen, was er so aus der Feder gelassen hat. Das tut dem Renommee des Dichters nicht gut.
Am schönsten zeigt sich die Kunst Storms in den Gedichten an die lebende oder tote Geliebte. Innigere und tiefschürfendere Gedichte zu diesem Thema sind schwer zu schreiben.
"Ein Leib und eine Seele, die wir waren / Kann ich von deinem Tode nicht genesen / Wie du zuerfällst einsam in diesem Grabe / So fühl ich mich, mein Leben, mit verwesen."
Gegen Ende wird die Kollektion wieder deutlich gehaltvoller, die Qualität der Gedichte nimmt merklich zu, so dass man es nicht bereut, die Durststrecke im Mittelteil überlesen zu haben.
Nicht zuletzt erweist sich Storm sogar als Republikaner mit der rechten Gesinnung (im Gedicht "Nun haben wir unser Herzoglein"), in dem er "Hinz und Kunz" auffordert, den Glauben an die Höherwertigkeit des Adels abzulegen. Außerdem finden sich auch noch pantheistische Ansätze: "Wie wenn das Leben wär nichts mehr / Als das Verbrennen eines Lichts / Verloren geht kein einzig Teilchen / Jedoch wir selber gehn ins Nichts."
Und wer Verse wie die folgenden schreiben kann, dem kann man die lyrische Ader sicher nicht absprechen:
"Wer je gelebt in Liebesarmen / Der kann im Leben nie verarmen / Und müsst er sterben fern allein." Charmanter kann man wohl nicht lügen.