Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Dreigroschenroman
OA 1934 Form Roman Epoche Moderne
Der ehrgeizigste Versuch von Bertolt Brecht im Bereich der erzählenden Literatur und sein einziger abgeschlossener Roman versucht eine satirische Analyse der Zusammenhänge von Kriminalität, Kapitalismus und Faschismus, steht aber insgesamt im Schatten der älteren, stofflich verwandten Dreigroschenoper.
Entstehung: Brecht verfasste den Roman 1933/34 in Dänemark für den Amsterdamer Verlag Allert de Lange, der sich auf deutsche Exil-Literatur spezialisiert hatte. Neben der inhaltlichen Herausforderung und dem Anspruch, ein neuartiges Erzählmodell zu entwickeln, war der erst kurz zuvor aus Deutschland geflohene Brecht auch durch das großzügige Honorarangebot motiviert.
Inhalt: Ort der Handlung ist die Londoner City im Jahr 1902, als Großbritannien den imperialistischen Burenkrieg führt. Hauptfiguren sind Macheath und der Geschäftsmann Peachum sowie dessen Tochter Polly, deren »Sinnlichkeit« in den Geschäftsplänen der Männer immer wieder funktional eingesetzt wird. Macheath beherrscht die Einbruchsbranche und verkauft das Beutegut in seinen »B-Läden«. Es gelingt ihm, seine Konkurrenten zu verdrängen und mit seinem neuen ABC-Syndikat zum Monopolisten aufzusteigen. Peachum, der die Londoner Bettler »ausrüstet«, ihren Einsatz organisiert und sie abkassiert, versucht seine anrüchigen Geschäfte in respektable zu überführen. Zu diesem Zweck muss er sich allerhand unmoralischer, ja verbrecherischer Maßnahmen bedienen vom mehrfachen Verschachern der eigenen Tochter Polly bis zur Ermordung des gefährlichsten Geschäftspartners und Widersachers Coax, in dessen gigantische Geschäfte Peachum einsteigt. Macheath, inzwischen mit Polly verehelicht, hat einige Mühe, sich der Anklage des Mordes an seiner Ex-Geliebten Mary zu entziehen. Auf geschäftlicher wie auf privater Ebene zeigt sich, dass die Verbindung Macheath-Peachum bzw. Macheath-Polly für beide Seiten die profitabelste ist. Sie wird daher am Schluss mit einem bombastisch-sentimentalen Hochzeitsfest gefeiert, während die noch ungeklärten Verbrechen Unschuldigen in die Schuhe geschoben werden.
Aufbau: Der Roman hat wie Brechts episches Theater eine parabolische Ebene. Im Aufstieg der Ganoven Macheath und Peachum zu Geschäftsleuten großen Stils und Handlangern der Politik beabsichtigt Brecht, seiner marxistischen Überzeugung gemäß, den verbrecherischen Charakter der »Geschäfte« überhaupt sowie den unaufhaltsamen Zug des Kapitalismus zum Faschismus sichtbar machen. Anregungen hierzu erhielt der Autor von seinem marxistischen »Lehrer« Karl Korsch (1886 bis 1961) und der Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1916) von Wladimir Iljitsch R Lenin. Daneben benutzte er wirtschaftshistorische Quellen, insbesondere über die »großen amerikanischen Vermögen«.
Die Realitätsbezüge etwa auf Hitler und seine »Machtergreifung« werden in ein komplexes Erzählmodell eingebettet. Brecht wollte ein kritisches Gegenmodell zur traditionellen, am Individuum und seinen Gefühlen orientierten Erzählweise schaffen. Er blendete daher mehrere epische Gattungsmuster (Unternehmergeschichte, Kriminalroman, Liebesroman) übereinander und arbeitete mit der »verfremdenden« Montage sowie anderen filmischen Mitteln. Die Figuren erscheinen ironisch gebrochen; sie halten pathetische oder sentimentale Reden, in denen sie sich permanent selbst entlarven .
Wirkung: Das ehrgeizige Werk wurde von einigen Zeitgenossen hoch gelobt, hat aber insgesamt nicht die Wertschätzung gefunden, die es verdient hätte. Dazu haben die schwierigen Umstände der Zeit nach 1933, aber auch die Tatsache beigetragen, dass Brecht dieses Erzähl-Experiment nicht energisch fortgesetzt hat. J. V.
Kurzbeschreibung
Zum Kriminalroman wird der "Dreigroschenroman" dadurch, dass er seine Spannung ganz aus dem Milieu der Wirtschaftsverbrechen bezieht...Seinen Reiz bewahrt hat das Werk durch ein Swiftsches Element, durch die Satire und eine ironische Sprache. Frankfurter Allgemeine Zeitung"Brechts Hauptwerk", eine "der wesentlichsten Leistungen Brechts", "Bericht über die Kulturinhalte unserer Epoche", ein "Kompendium der Zeit von wahrhaft homerischen Ausmaßen", verfaßt von einem "Epiker von hohen Graden" mit der "Bitterkeit und Schärfe Swifts". Solche und ähnliche Superlative finden die Kritiker 1934/35 nach Erscheinen des Dreigroschenromans, der ersten großen Arbeit, die Brecht im dänischen Exil fertigstellt. Nachdem das deutschsprachige Theaterpublikum seit seiner Vertreibung aus Deutschland im Februar 1933 für ihn nicht mehr erreichbar ist, wendet er sich verstärkt der Prosa zu, knüpft hier mit Titel und wichtigen Figurennamen an den großen Erfolg der Dreigroschenoper (1928) und der Songs der Dreigroschenoper an.