Eins
Es waren nur vier junge Männer damals unter lauter Mädchen in der Kunstgeschichtevorlesung. Drei von ihnen liebten ihresgleichen, deshalb hatte ich dasselbe auch von ihm vermutet und seinen beharrlichen Blicken keine Beachtung geschenkt.
Wie auch immer, es war allgemein bekannt, daß man sich in Kunstgeschichte nicht immatrikulierte, um die Liebe seines Lebens zu finden. Ich hatte einem inneren Bedürfnis nachgegeben, sehnte mich nach etwas anderem als nach trockener Vermittlung von Wissenschaft, wollte verstehen, wie man in der zeitgenössischen Kunst DAHIN hatte kommen können. Wie es hatte passieren können, daß überall die Bedeutung zurückzuweichen schien und nur Moden diktierten. Daß alles, was ich meinen Professoren an der Kunstakademie über Monate hinweg vorgeschlagen hatte, ihnen zu abwegig vorkam, an der Grenze des Absurden, bis mich einer nach dem andern mehr oder weniger wütend aufforderte, das Seminar zu verlassen.
Ich wußte es damals noch nicht, aber er hatte sich aus dem gleichen Verlangen nach Sinn in Kunstgeschichte eingeschrieben, nachdem er von Seminaren bei den Theaterwissenschaftlern zu Kursen im Konservatorium geirrt war, ohne eine Möglichkeit zu finden, wie er seine Lust auf verrückte Inszenierungen und phantastische Geschichten befriedigen könnte. Wir lernten uns erst nach jenem Seminar kennen, in dem er ein merkwürdiges Referat gehalten hatte, das mit dem lakonischen Satz begann: »Ich muß gleich gestehen, daß ich mir keine Zeit genommen habe, das Museum zu besuchen, dessen Szenographie ich jetzt entschlüsseln werde.« Es war immerhin nur zwei Schritte entfernt.
Womit er bewies, wie sehr, an der Grenze zum Absurden, die Kommunikation die spürbare Erfahrung in unserem Leben überragte.
Er war groß, schön, sein Blick samtig hinter dichten braunen Wimpern. Seine Haare trug er nachlässig, ohne jeden Schnitt, und die Pullover, die er anhatte, waren bunt gemustert und aus unförmigen synthetischen Materialien. Ich trug nur schwarze Sachen, deren Schnitte ich vor dem Nähen lange an einer Schneiderpuppe probierte, und bunte Handschuhe mit farblich dazu passendem Nagellack. Ich war keine zwanzig Jahre alt und überhaupt nicht daran interessiert, der ohnehin schon langen Liste von Dingen, mit denen ich mich beschäftigte und meine ersten Enttäuschungen als angehende Künstlerin vergessen wollte, noch weitere Beschäftigungen hinzuzufügen, und eine Liebesgeschichte schon gar nicht: Ich war Studentin in drei Fächern, Praktikantin in einem museographischen Labor, Gelegenheitsstylistin, Autorin von traumbezogen-erotischen Texten, nächtlich ausschwärmende Journalistin, die in den Separées der Gothic-Kneipen herumhing oder in chinesischen Spielhöllen in den Lagerhallen des 13. Arrondissement... Ein befreundeter Psychiater, den meine Hyperaktivität beunruhigte, vermutete immer mehr, eine Patientin mit multipler Persönlichkeit vor sich zu haben. Mein Großvater hingegen sah in mir einen unerschöpflichen Quell an Talenten, was ihm durchaus bekannt vorkam.
Eine zügellose Widerspenstige. Ein romantischer Stubenhocker. Eine Begegnung war unwahrscheinlich. Weswegen es ein Jahr dauerte, bis wir miteinander ins Gespräch kamen. Im grünen Aufzug der Fakultät Pierre Mendès-France, der in der neunten Etage hält, wo wir verzweifelt nach demselben Deutschkurs suchten. Und kaum war diese Hürde genommen, sollten wir gar nicht mehr aufhören, miteinander zu reden, überrascht von der Übereinstimmung, mit der wir das Gleiche wollten: ein visionäres Universum erschaffen, gleichermaßen präzise, pathetisch und anrührend.
»Wir werden die Bewegung post-brut gründen, mit Werken, die nichts als Beschwörungen sein werden...«
»deren Schöpfer nicht einmal zu existieren brauchen...«
»weil die Existenz dieser Werke so augenfällig sein wird...«
»ihre Bedeutung so klar...«
»daß sie, aufgrund ihrer eigenen Polysemie, die Stichhaltigkeit des durch Panofskys Ikonologie vorgezeichneten Weges erneuern!...«
»Eines Weges für ein Weltverständnis mit multiplen Schlüsseln...«
»mit multiplen Lesarten...«
»die in der Komposition der Werke vorweggenommen sein werden.«
Wir waren trunken vor Begeisterung. Ich hatte denjenigen Menschen - vielleicht einen der ganz wenigen - gefunden, der das Faszinosum Welt verstand, das ich entwerfen wollte. Jene komplexe Kombination von Anziehung und Abstoßung, die den ambivalenten Gefühlen entsprach, die das irdische Leben mir bescherte. Fern jeder Neutralität. Er hatte seinerseits diejenige gefunden, die die dramatische Welt würde erschaffen können, die er schon immer hatte inszenieren wollen, um sie so genau beobachten und in sich aufsaugen zu können. Die Begegnung war frenetisch. Und die Raserei war gepaart mit einer Kußwut, die uns an einer Straßenbiegung überkommen konnte, in der Bibliothek oder mitten im Deutschkurs, unter dem amüsierten Blick von Herrn Groll, der indirekt zu unserem Einswerden beigetragen hatte.
Und doch ergriff ich nach unserer ersten Nacht die Flucht, erschüttert von dieser betäubenden Verschmelzung. In die geräumige Wohnung meiner Tante, ein unwirkliches, mit nachtblauem und tannengrünem Samt ausgeschlagenes Refugium, dessen ovaler Salon Zeuge der Herzensergüsse aller möglichen durchreisenden Freundinnen war. Mein Zimmer lag direkt neben dem einer jungen, das freie Leben genießenden Frau aus gutem Hause, Tochter von Bekannten aus der Provinz, die in tief dekolletierten langen Kleidern sämtliche Bälle der Grandes Ecoles durchtanzte, um sich einen Mann zu angeln. Ihre kruden und naiven Schilderungen beschworen eine Fülle exotischer Erfahrungen herauf, die mich von meiner neuen obsessiven Liebe ablenkten. Ich spürte gern den bizarren Kontrast zwischen diesen Klischees glamouröser Dekadenz und den mir vertrauten Eindrücken - Hausbesetzer in Kellergeschossen von Bürogebäuden. Ganze Nächte verbrachte ich damit, ihr Gerede von den Vorteilen des mondänen Lebenswandels anzuhören, und die Vorahnung nahm immer mehr überhand, daß dieses Universitätsjahr ein Fiasko würde, wenn es mit einer unseligen Liebesgeschichte begann.
Deshalb blieb ich bei meiner Tante und ging nicht mehr aus, in der Hoffnung, er würde mich vergessen, und fand tausend Gründe, wütend auf ihn zu sein. Hatte er mich nicht nach der ersten Nacht in aller Frühe an einer Bushaltestelle im Stich gelassen, weil er angeblich zur Vorlesung mußte? Dabei war es noch zu früh, um überhaupt aufzustehen. Hatte er mir nicht ein vor Selbstsicherheit strotzendes »Bis morgen!« zugerufen? Als wäre das so gewiß! Hatte er, blöder Kerl der er war, auch nur ein bißchen auf Empfängnisverhütung geachtet? Hatte er überhaupt eine blasse Ahnung, welches Maß an Verantwortung eine Geschichte mit mir nach sich ziehen würde, als er den närrischen Satz von sich gab: Mademoiselle, möchten Sie die Nacht bei einem wirklich unglaublichen Chamäleon verbringen? Ein Satz, der jede andere, normal entwickelte junge Frau in die Flucht geschlagen hätte...
Am wütendsten machte mich jedoch, daß ich mich so jung schon so sehr verliebt hatte, denn ich hatte mir lange, von emotionaler Gleichgültigkeit geprägte Jahre erhofft, die ich mit souveräner Unabhängigkeit auskosten würde. So wie andere Leute Angst haben, sich nicht mehr auf den anderen einlassen zu können, weil sie einander zu spät begegnet sind, hatte ich Angst, mich nicht weiterentwickeln zu können, weil ich ihm zu früh begegnet war. Er ließ jedoch nicht locker, und so mußte ich den Schock dieser gewaltigen Liebe aushalten, der mich genauso erstarren ließ wie blendende Autoscheinwerfer einen Hasen. Ich war unfähig, meinen eingeschlagenen Weg fortzusetzen, ein ganzes langes Jahr.
In dem ich meinen Großvater, den Vater meines Vaters, verlor. Als Einziger in der Familie hatte er meine künstlerische Berufung unterstützt. Schon an Weihnachten hatte ich begriffen, daß er gehen würde. Er hatte sich geweigert, seine Geschenke auszupacken, mit der Begründung, es sei ja doch nicht das drin, was er sich am meisten wünsche, das einzige, was ihn über das Alter hinwegtrösten könne: ein Kätzchen. Nur ein Kätzchen würde ihn davon abhalten, täglich seine vierzig Zigarillos zu rauchen, immer zwei auf einmal, mit dem Gedanken, daß es dann schneller zu Ende wäre. Doch meine Großmutter wollte keines, nichts zu machen, selbst um den Preis seines Lebens nicht. Daraufhin hatte er aufgehört, mir auf dem Klavier Rhapsodien vorzuspielen und die Kreuzworträtsel in Le Monde zu lösen. Und ich ging nur noch morgens zu ihm, um über Ästhetik zu reden, weil ihm bereits nach dem Mittagessen der Rauch die Gedanken vernebelt hatte. Schluß mit den Übungen im logischen Denken, den Erinnerungen an seine großen Bauprojekte in Indien und mit seinen Scherzen über meinen ungewöhnlichen Aufzug. An dem Tag, als ich ihn über Cômes Existenz in meinem Leben unterrichtete, gab er endgültig auf, wie erleichtert, mich unter dem Einfluß eines andern zu wissen. Und eines Nachmittags im Februar ging er dahin, taktvoll, während auf seinem Krankenhausbett meine Großmutter und ich ihm jede eine Hand hielten. Ich habe meine Großmutter umarmt und dabei seine Hand, die ich kalt werden fühlte, weiter gehalten. Dann verließ ich sie rasch, um den zu treffen, dem er mich übergeben hatte. Im Bus brach ich in Tränen aus, abwesend gegenüber den Blicken der anderen. Und sechs Tage später weinte ich noch immer, in der schneidenden Kälte des Juras auf dem Hügel von Montange, dem wir unsere Toten anvertrauen. Er war nicht der erste, den ich verlor, aber ihn weigerte ich mich ganz und gar loszulassen. Einen Tag später, als ich nach Paris zurückkam, brachte man mich ins Krankenhaus, meine Füße angeschwollen, eiskalt, trotz mehrerer Lagen Decken. Und vierzehn Tage habe ich das Bett hüten müssen, während ich an ihn dachte, ich strengte mich an, ihn mit aller Macht zu behalten, und vielleicht habe ich es letztendlich erreicht.