Haydns Violinkonzerte gelten als nicht übermäßig schwierig und werden wohl aus diesem Grund eher selten von bekannten Solisten eingespielt. Dabei sind sie durchaus hörenswert und ein musikalischer Genuss. Welch ein Glück also, dass Augustin Hadelich beim breiten Publikum bisher noch nicht so bekannt ist und sich in seiner Debüt-CD dieser vernachlässigten Werke annimmt! Dadurch ist eine wundervolle Aufnahme entstanden, ein Ohrenschmaus zu einem konkurrenzlos günstigen Preis.
Augustin Hadelich war ein musikalisches Wunderkind, das schon mit sieben Jahren Konzerte gab und bereits als Zehnjähriger selbst komponierte. Von seiner Kompositionskunst kann man sich auch auf dieser CD überzeugen, denn alle Solokadenzen, die dort zu hören sind, stammen von ihm selbst. Dabei vermeidet er jede rein virtuose Effekthascherei, sondern konzentriert sich so gekonnt auf den musikalischen Kern der Werke, dass keinerlei Bruch zwischen Haydns Musik und seinen Kadenzen zu spüren ist, sondern diese sich zwanglos und stilgerecht in die originale Tonsprache einfügen.
Ich selbst hatte das Glück, Augustin Hadelich einmal live in einem Solo-Recital zu hören, als er erst fünfzehn Jahre alt war. Er spielte Solosonaten von Bach, Fantasien von Telemann, Capricen von Paganini und eigene Kompositionen. Dieses Konzert war eines meiner eindrücklichsten musikalischen Erlebnisse. Ich glaube sagen zu können, dass er selbst unter den Wunderkindern eine Ausnahmeerscheinung war, denn obwohl er offensichtlich über eine vollkommene Technik und alle virtuosen Raffinessen verfügte, stand bei ihm niemals das technische Können im Vordergrund, sondern immer die den Werken innewohnende musikalische Aussage, für die er auch damals schon ein untrügliches Gespür hatte.
Leider kommt es bei Wunderkindern nicht selten vor, dass sich der naive musikalische Instinkt nicht aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hinüberretten lässt oder durch ein Übermaß an technischer Ausbildung ein großer Teil davon verlorengeht. Bei Augustin Hadelich ist das zum Glück überhaupt nicht der Fall. Er beherrscht das Technische so vollkommen, dass da keinerlei Anstrengung oder Künstlichkeit wahrzunehmen ist, und in musikalischer Hinsicht hat er nur an Reife dazugewonnen, ohne dass irgendetwas vom früheren Zauber verschwunden ist. Im Jahre 2006 gewann er übrigens den Internationalen Violin-Wettbewerb Indianapolis in den USA, zu dessen "Preisgeld" auch eine Leihgabe der ex-Gingold-Stradivari gehörte, deren Klang man auf dieser CD vor allem in den Kantilenen der langsamen Sätze und natürlich in den Solokadenzen bewundern kann.