Um es gleich zu sagen: Ein großartiger Roman um einen modernen Helden. Keinen, der mal spontan Mut beweist, keinen Actionthriller-Hero, sondern einen durchschnittlichen Mann, der sich erschießt, gerettet wird, nach drei Monaten im Koma wieder aufwacht und mitgeteilt bekommt: Ihnen fehlen 20 Jahren Erinnerungen. Er wird zum Helden unserer Zeit, weil er den Kampf gegen den Gedächtnisverlust aufnimmt, sich durch alle Scheußlichkeiten der Vergangenheit durcharbeitet zum echten Ich.
Der Verlag verkauft dieses stilistisch glänzende wie philosophische Buch als "eine leise Geschichte der Opfer" ... "über den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit und die Trennung eines gesamten Landes".
Darum geht es auch. Paul Cremer, der Held, wird eines Tages von der Stasi auf der Straße verhaftet und acht Monate lange einer grauenvollen Psychofolter ausgesetzt. Frei kommt er nur, weil die Mauer, der Staat, der ihn foltern ließ, zusammenbricht,
Noch wichtiger ist aber Cremers Kampf gegen alles, was ihm geschieht - gegen die Stasi-Folterer, gegen die er eisern anschweigt. Und gegen den Verlust seiner Erinnerungen nach dem missglückten Selbstmord. In der Schilderung von beidem zeigt der Autor Marc Buhl:
Cremer ist kein "Opfer", sondern ein Vorbild. Er beweist, wie viel reicher das Leben wird - und glücklicher -, wenn wir uns der Vergangenheit stellen, unsere Erinnerungen wach halten statt sie zu verdrängen.
Ein wirklich lesenswerter, erstaunlich spannender, aufklärerischer, ein großer Roman.