Jazz thing (04/99)
Das ist der Jazz, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Ungekämmt und schmuddelig kommt er daher, klingt dissonant, schräg, kratzbürstig und streift dergestalt durch die Hinterhöfe zwischen Mülltonnen und stinkenden Abzugshauben herum. Nach sieben Jahren permanenter musikalischer Anarchie hat es Der Rote Bereich nun endgültig geschafft: Er ist zum Bürgerschreck der keimfreien deutschen Mainstream-Beschaulichkeit geworden. Das rotzlöffelige Improvisationskollektiv wirkt auf Tonträger "3" noch roter, noch besessener, noch entschlackter (Posaunist Hal Crook ist nicht mehr dabei) als in seiner bereits bewegten Vergangenheit. Der Rest - das sind Baßklarinettist Rudi Mahall, Gitarrist Frank Möbius und Drummer John Schröder - hat sich vorgenommen, aus den vielen einfach an die Wand geschmissenen Soundfragmenten schrille Gebilde voller Schärfe und Zynismus ("Heino und Hannelore") zu formen. Das Erstaunliche dabei: Abermals klappt das eigentlich aussichtslose Himmelfahrtskommando. Es entsteht große Avantgarde. Und die logische Frage: Wann steckt Rudi Mahall ganz allein diesen wahnwitzigen Roten Bereich ab?
© Jazz thing - Reinhard Köchl