Wer einen tieferen Einblick in die Lebensverhältnisse der Weimarer Republik bekommen möchte, dem sei die Lektüre von Erich Maria Remarques 1936 fertiggestellten Roman "Drei Kameraden" sehr zu empfehlen. Remarque beseitigt das positive Bild der "Goldenen Zwanziger" und setzt an diese Stelle das Bild einer von sozialer Not geprägten Gesellschaft, in der alles kurzlebig ist und in der die schleichende Gefahr von Rechts bereits unverkennbar ist.
Am Beispiel von Robert Lohkamp (der Ich-Erzähler), Gottfried Lenz und Otto Köster (die drei Kameraden), die vom Krieg gezeichnet sind und nun mit ihrer gemeinsamen Autowerkstatt ihren Existenzkampf in der Weimarer Republik fortsetzen, verdeutlicht er eine Lebenseinstellung, in der die augenblickliche positive, rational nicht begründbare Gefühlserfahrung über einem gesicherten Lebensstandard steht, eine Lebenseinstellung, in der der Mittelpunkt die Ablenkung von der wirtschaftlichen und sozialen Not ist (auch durch Alkohol). Demzufolge sind die drei Kameraden der drastische Kontrapunkt zum bürgerlichen Selbstverständnis.
Im Zentrum der Handlung steht die Liebe des Ich-Erzählers zu der schönen Patrice Hollmann, doch der Bestand ihre Liebe wird bedroht durch Patrice' schwere Erkrankung, wodurch ein weiterer zentraler Gegenstand des Romans hervorgehoben wird: die Sinnlosigkeit des Lebens und die Frage nach der realen Existenz von Beständigkeit. Beständig ist ihre Freundschaft, die alle Krisen unbeschadet übersteht, und ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt. Sie sind stets bereit, alles auf eine Karte zu setzen, selbst wenn dafür alles bis dahin erreichte weichen muss - ihr Auto, ihre gemeinsame Werkstatt, ihre gesamte Existenz.
Besonders erschütternd ist die Episode mit Hasse, der unglückliche Ehemann, der in der permanenten Angst lebt, seine Arbeit zu verlieren, worauf ihn seine Frau verlässt, was er psychisch nicht verkraftet. Die spöttische These, "[w]enn man über das zwanzigste Jahrhundert nicht lachte, musste man sich erschießen. Aber man konnte nicht lange darüber lachen. Es war ja eigentlich zum Heulen" (S. 157) bringt die zynisch-melancholische Grundstimmung des Werks wohl am besten zum Ausdruck.
Remarque hat mit diesem Roman wieder einmal als Chronist des kleinen Mannes veranschaulicht, dass eine Gesellschaft ohne Humanität und wirtschaftliche Sicherheit zum Untergang verurteilt ist. Leider hatten diese Erkenntnis in der damaligen Zeit nur sehr wenige, und noch weniger so lebendig, unverfälscht und treffend wie Erich Maria Remarque.