Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" sind sicherlich nicht sein am leichtesten lesbares oder zugängliches Werk. Es gibt oftmals ellenlange Fußnoten, seine Referenzpunkte sind aufgrund des geschichtlichen Abstandes doch merklich verblasst, er antwortet oftmals implizit auf damalige theoretische Dogmen und Gemeinplätze. Auch die Sprache ist sperrig und wissenschaftlich, viele Begriffe werden gemünzt (Kernbegriffe u.a. der Psychoanalyse, die in den allgemeinen Sprachgebrauch integriert wurden - weshalb es interessant sein kann, sie in ihrem ursprünglichen Kontext anzutreffen), hier ist einer am Werk, etwas ganz neues zu sagen, eine ganz neue Wissenschaft aufzubauen. Eben deshalb ist dieses Werk unverzichtbar und so spannend. Vieles ist noch nicht in Stein gehauen, dogmatisiert und verschult. Hier sieht man so etwas wie ein "work in progress", hier sieht man aber auch einen ersten und im Ganzen doch etwas zaghaften Versuch, einen wissenschaftlichen Durchbruch zu leisten, für den man nicht nur Lob kassieren wird, für den man möglicherweise seine ganze Karriere einkassieren könnte, seinen guten Ruf ruinieren, sein Lebenselixier verlieren - Mut ist hier zu spüren, direkt ein Wagemut weht zwischen den Zeilen. Nicht nur deshalb kann die Lektüre natürlich bereichern - sie bietet einem auch die Gelegenheit, seine Horizonte zu erweitern, die Dinge und Verhältnisse neu kennen zu lernen. Geradezu umstürzlerisch kann z.B. die zentrale These auf die Wahrnehmung wirken, Kinder hätten eine Sexualität, Kinder würden sogar mit endlosem Einfallsreichtum und unheimlicher Raffinesse ihre polymorphe Sexualität entwickeln. Ein Kind stellen wir uns oftmals als notwendig asexuell dar. Auch die Kunstgeschichte zeigt immer wieder Kinder als in einem heillos heilen Jenseits der Sexualität stehend - rote Wänglein und ein bescheidenes Lächeln, vielleicht listige Äuglein aber niemals sexuell stierende Blicke sind zu sehen. Mit diesen Vorstellungen räumt Freud auf der Basis seiner jahrzehntelangen Praxis auf. Bedeutet das einen "Pansexualismus", also eine Reduzierung aller menschlichen Aktivität und Kultur auf die Sexualität? Ich glaube nicht. Zum Beispiel führt die Sexualität hier die Kinder dazu, sich (fast poetisch) etwas einfallen zu lassen. Sie leiten die sexuelle Energie um was das Zeug hält. Ihre polymorphe Sexualität, ihr selbstgenügsamer Kreislauf von sexueller Energie, die zur Autoerotik führt und Autoerotik, die sexuelle Energie kanalisiert wird nicht nur als Perversion, sondern auch als Teil der menschlichen Grundfähigkeit, aus seinem "tierischen" Dasein auszubrechen und sich ein (Sprach-)Universum zu erschaffen. Der Begriff "polymorph" taucht dann auch später bei Foucault auf, der in seinem Buch "Der Wille zum Wissen" aus einem etwas obskuren oder nebensächlich wirkendem Punkt in den "Abhandlungen" ein ganzes Thema schöpft für eine wissenschaftliche Arbeit - bei Freud taucht der Begriff "Wisstrieb" auf, der eine zentrale Schneise ist um von der Sexualität auf die Geistesaktivität zu kommen. Sexualität und Wissen, der Körper und der Geist schließen sich hier nicht aus, sondern eine Energie gleißt in die andere oder wird in die andere auf ganz natürliche Weise konvertiert. Hier ist ein Denken am Werk, das Körper und Geist völlig einheitlich aber dennoch voneinander unterschieden versteht. Das macht besonders auch dieses Buch so reizvoll - hier geht es nicht um Symboltheorien oder Literaturinterpretationen, die vielleicht heutzutage altbacken und unhaltbar wirken, hier geht es um eine Beobachtung der Schnittstellen zwischen zwei Aspekten unseres menschlichen Daseins, und das kann uns auch in den derzeitigen Debatten der Hirnforschung helfen. Fast sieht man die Blitze zucken zwischen den Zeilen. Insofern ist Freuds Werk ein echter Klassiker, der uns die Beziehungen von Menschen zu sich selbst und zur Umwelt neu einschätzen lässt, der uns einen Denker vorführt, der in Transition ist, der etwas wagt und noch nach einer Sprache für dieses Wagnis sucht, hier sieht man eine Begriffswelt entstehen, die man meint schon zu kennen. Holzschnittartig ist dieser Klassiker dennoch weil er im Ganzen doch gröbere Züge aus dem Holz hobelt, weil die Gestalten nicht immer ganz klar zu erkennen sind und manchmal etwas grobkörnig erscheinen. Geduld aber wird den Leser sicherlich belohnen.