Wie bei so vielen Filmen fragt man sich auch bei diesem Buch, wer wohl dessen deutschen Titel auf dem Gewissen hat (der Originaltitel ist „Clues, Investigating Solutions in Brief Therapy“). Es muss ganz einfach mehr dahinter sein als nur ein bloßer Dreh, sonst hätte dieses Buch wohl nicht die mittlerweile 6. Auflage erlebt. Denn, und soweit kann ich meinem Vorrezensenten zustimmen, man muss schon „den Dreh raushaben“ (was einem als Österreicher semantische Verrenkungen abverlangt: hierzulande konnotiert dieses Wort eher anrüchige Tricks oder überhaupt Schwindel), um dieses Buch mit Erfolg zu lesen oder gar zu mögen.
Wahr ist, es ist nicht leicht lesbar. Das liegt nur partiell an der oft schwerfälligen Übersetzung. Das hat schon mehr zu tun damit, dass der große Meister aller Lösungen, wie er selbst durchklingen lässt, Probleme damit hat, seine Methodik in verständliche Worte zu fassen – für ihn ergibt sich ja sowieso alles wie von selbst. Deshalb würdigt er auch mehrfach in diesem Buch die Verdienste seines Teams, das ihn immer wieder zu methodischen Analysen, zu exakten Prozessbeschreibungen und - heureka! – zum Zeichnen einer Landkarte drängt.
Wahr ist nämlich weiters, dass dieser Text zwar weitgehend jener Systematik entbehrt, die ein lernender Therapeut, persönlicher Coach oder an Kurzzeit-Beratung und Persönlichkeitsentwicklung interessierter Laie so dringend brauchen würde, um die wahrlich nicht gerade auf der Hand liegenden Schlüsse(l) von Steve de Shazer nachzuvollziehen und daraus auch noch generativ zu lernen. Aber es gibt immerhin die Landkarte auf Seite 103 – eine Art Flussdiagramm der Veränderungsarbeit, systemisch-lösungsorientiert à la Steve de Shazer. Und wenn sich wenigstens die Übersetzer die Mühe gemacht hätten, die Fallbeispiele samt ihrer erratischen Nummerierung in diese Landkarte einzutragen – was hätte dieses Werk nicht noch an Verständnis bewirken können! Das wäre vielleicht der Unterschied gewesen, der einen Unterschied ausmacht.
Wahr ist ferner, dass die über weite Strecken eingestreuten Hinweise auf ein an de Shazers Institut im Entstehen begriffenes Expertensystem die Dinge eher verwirren als erläutern oder gar ordnen. Kein Wunder – selbst des Programmierens Kundige erwartet bei einem Blick in fremde Programme eher Verwirrung denn Erleuchtung, wenn sie nicht zuvor z.B. eine grafische Übersicht der wesentlichen Schritte und Zusammenhänge konsultieren durften. Und sei sie auch nur „ein Ausdruck der Theorie, ... nicht der einzige und auch nicht notwendigerweise der beste Weg“ (S. 204). Wir wissen schon – die Landkarte ist nicht das Gebiet.
Wahr ist schließlich wohl auch, dass uns der Meister, unbeirrbar lösungsorientiert wie er nun einmal ist, mit all dem etwas sagen will – auch wenn er es wie üblich intuitiv und keineswegs aus methodischem Ehrgeiz tut. „Alle Fakten liegen bereits offen vor uns“ wie er (aber erst auf S. 204) meint, und der Clou ist, dass sein Schlüssel wie immer am besten passt: So wie er rechtens befindet, dass seine Arbeit, auf den Fundamenten eines Milton H. Erickson aufbauend, auch ohne formale Trance-Induktion immer hypnotischer wird (S. 157), so macht er eben auch das Lesen seines Buches zu einer Kurzzeit-Beratung nach exakt diesem Zuschnitt (oder doch schon Kurzzeit-Therapie?). Und die passt. Ob sie allerdings erfolgreich ist, das liegt beim Klienten.
„Besucher“ werden geschickt oder sind nur neugierig, haben aber kein Problem. Sie bekommen bei de Shazer bestenfalls simple Beobachtungsaufgaben und er versucht erst gar nicht, diese unfreiwilligen Klienten davon zu überzeugen, dass sie Therapie, persönliches Coaching oder Expertenberatung brauchen (S. 104). Typisch wäre hier etwa die Standardaufgabe der 1. Sitzung, nämlich zu beobachten, was Sie beim Lesen des Buches gerne mitnehmen wollen – u. zw. so, dass Sie es zu Beginn der nächsten Lesung genau beschreiben können. Wäre doch gelacht, wenn das in Ihnen nicht ein paar Funken Verständnis auslösen würde...
Die „Klagenden“ haben ein echtes Problem und erwarten etwas als Resultat des Prozesses (S. 105), hier also vom Lesen des Buches – aber, leider, das genügt auch noch nicht. Wo bleibt da auch die innere Beteiligung? Hier würde sich vielleicht eine passende Nachdenkaufgabe empfehlen, etwa, zu überlegen, was sich in Ihnen verändert, wenn Sie eines der Fallbeispiele in die verschiedenen Personen assoziiert nachvollziehen. Spüren Sie schon, wie die Veränderung passiert, sobald Sie damit anfangen?
Des Heils teilhaftig werden die und nur die, die sich’s wirklich verdienen – die „Kunden“, jene also, die etwas an ihrer Beschwerde und somit an sich verändern wollen, bekommen Verhaltensaufgaben „im vollen Vertrauen, dass ... sie sie ausführen und auch sinnvoll finden“ werden (S. 106). Also: ausprobieren!
Tja, sehr geehrte LeserInnen – ohne Veränderungsbereitschaft geht halt gar nichts, das gilt für dieses Buch, für die Kurzzeit-Therapie, für systemisches Coaching und für Persönlichkeitsentwicklung gleichermaßen. Sind Sie also „Besucher“ oder „Klagender“, dann wird wohl auch Ihre Bewertung dieses Buches in den unteren Rängen bleiben – aber jetzt wissen Sie wenigstens warum. Und wenn DAS für Sie ein Problem ist, stehe ich Ihnen als persönlicher Coach gerne zur Verfügung. Sind sie allerdings „Kunde“ im o.g. Sinne, dann werden Sie in einem nicht-formalen Trancezustand innerhalb derart kurzer Zeit therapiert, dass Sie am Ende des Buches zwar genauso wenig wie de Shazer erklären können, wieso es funktioniert (hat) – aber Sie werden keine weiteren Sitzungen mehr brauchen und die Bewertung auf der 5-stufigen Sternderlskala (übrigens auch bei de Shazer ein beliebtes Werkzeug) wird himmelstürmen. Und so soll’s ja sein - schließlich geht es um Kurzzeit-Beratung, nicht um Literatur...