Eine etwas paradoxe Affäre, das. Man fragt sich, wozu dieses Dokument erscheinen mußte, und gleichzeitig findet man es (zumindest als Neil Young-Afficionado) total toll. Vor dem Erscheinen der "Harvest Moon" spielte Young auf Solo-Tour nicht nur eine erstaunlich schmissige Banjo-Version von "Silver And Gold", das in einem etwas lyrischeren Folk-Arrangement erst 2000 auf dem gleichnamigen Album erschien - sondern auch das gesamte Album mit der Bekannteste-Platte-Referenz im Titel. Die Bootlegs, die damals kursierten, versprachen Großes. Und als "Harvest Moon" endlich erschien, kannte man sie irgendwie schon, weswegen sie einen nicht gleich von der Badematte fegen konnte. Aus heutiger Sicht ist "Harvest Moon" neben "Sleeps With Angels" N.Y.s beste Platte der wechselhaften 90er Jahre. Was sagt uns "Dreamin' Man" über "Harvest Moon"? Nun, nicht besonders viel. Es fügt ihm wenig hinzu, zieht ihm aber auch kaum was ab. Wir hören, daß die Band um fertig ausgearbeitete Solo-Performances herumarrangiert wurde, was auch bei Neil Young nichts Ungewöhnliches ist. Und wenn "Harvest Moon" gut war, dann ist es "Dreamin' Man" auch. Klingt unspektakulär? Dann höre man sich bitte mal die für dieses Set ausgewählte "Natural Beauty"-Version an (oder "War Of Man". Oder "You And Me"): Es gibt nicht so viele mir bekannte Musiker, eigentlich keinen, die eine simpel gestrickte, auf 4 Akkorden basierende und in getragenem Tempo gehaltene Nummer auf 10 min. strecken können und einen dabei total in ihren Bann ziehen. Neil Young macht so simple Sachen, aber bei ihm reicht schon ein halb verblasener Mundharmonika-Ton, um EINE ATMOSPHÄRE zu erzeugen, für die andere wesentlich mehr Mittel benötigen. Niemand macht das so wie er, und er ist darin wahrscheinlich besser als Dylan. Diese Aufnahmen demonstrieren das mal wieder, auch wenn Eingeweihte es längst wissen und Mantra-artig runterbeten. Und was diese Intensität angeht, liegt "Dreamin' Man" im direkten Vergleich mit "Harvest Moon" natürlich ein Stück vorne und kann für sich allein stehen. Viel mehr als Sekundärmaterial.