Nein, diesen Film habe ich nicht freiwillig gesehen. Zuviel Angst hatte ich davor, nur ein weiteres Vehikel für einen großen Star der Musikszene zu sehen, der seinen schwierigen Aufstieg aus der Gosse erzählt, sein Leiden unter der Armut und seinen permanenten und selbstverleugnerischen Einsatz für den American Dream. Das ganze dann noch unterstrichen mit den üblichen Kitschszenen über die große Liebe, die sich dann kurz vor Schluss doch noch findet.
Und dann sehe ich den Film, beginne mich über großartige Musikszenen zu freuen (ja, der Film ist auch ein Musical), und ich merke, dass hier fast alles anders ist.
Erzählt wird nicht nur der Aufstieg eines Stars der Musikszene. Es geht um mehr, nämlich um die Entstehung einer neuen Form der schwarzen Musik, eigentlich des Pop. Während in den 60er Jahren die Rassenunruhen in den Südstaaten der USA beginnen, passt in Chikago ein kluger Produzent den Sound der Schwarzen an den Geschmack eines weißen Publikums an. Und damit verdient der Produzent nicht nur viel Geld, sondern schafft es auch, schwarze Musiker an Orte zu bringen, die ihnen bisher verboten waren. So entstehen Ikonen.
Der Film ist dem Aufstieg eines realen Plattenlabels (Motown Records) nachgebildet. Bei dem Gesangstrio der Dreamgirls dürfte es sich um die Surpremes handeln, mit Deena Jones ist wohl Diana Ross dargestellt. So sind alle Namen und Orte im Film verändert (Motown kam aus Detroit nicht aus Chikago). Aber dennoch profitiert der Film sehr davon, dass hier eine reale Geschichte erzählt wird, in der auch die gesellschaftlichen Veränderungen der Jahre von 1960 bis 1980 immer wieder eine Rolle spielen.
Ja, es ist die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, die hier erzählt wird, der Weg zum Erfolg. Aber hier ist der Erfolg durchaus zweischneidig dargestellt. Man sieht, wie Freundschaften zerbrechen, die Protagonisten teilweise völlig isoliert und vereinsamt dastehen. Und man lernt, dass der Erfolg gerade nicht durch die eigene Persönlichkeit entsteht, sondern durch den Markt, durch Konformität zu den Anforderungen des Publikums, ob man selbst will oder nicht. In einer der stärksten Dialoge des Films erklärt der Produzent seiner Sängerin, warum er sie ihrer Konkurrentin vorgezogen hat: "Deine Stimme hat einfach Null Persönlichkeit - genau das ist es was ich brauche". Kein Wunder, dass die Macher des Films die Namen ändern mussten.
Beyoncé spielt sich nicht in den Vordergrund. Im Gegenteil - sie stellt überzeugend "das Produkt" dar, die Sängerin, die mehr gemacht wird, als dass sie sich selbst erfindet. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt sie passiv im Film, singt allerdings einige großartige Soulnummern. So bleibt Raum für den eigentlichen Star des Films: Eine mir bisher völlig unbekannte Schauspielerin und herausragende Sängerin namens Jennifer Hudson. Sie spielt eines der Gründungsmitglieder der Surpremes (sorry, der Dreamettes), die aufgrund ihrer Art zu singen und ihres Aussehens aus der Gruppe geworfen wird und dann mit einem Kind um ihre Existenz kämpfen muss. Eine herausragende Leistung - sängerisch, über weite Strecken auch schauspielerisch. Zu meiner Überraschung ist sie wohl durch "American Idol" berühmt geworden. Na ja, vielleicht ist DSDS auch noch zu etwas gut.
Daneben bekommen wir noch einen großartig aufgelegten Eddie Murphy zu sehen. Der Mann kann deutlich mehr, als nur komisch zu sein. Auch alle weiteren Darsteller liefern gute Leistungen ab, ich brauche nicht alle einzeln zu nennen. Denn man muss noch etwas über das eigentliche Herz des Films sagen: Die Musik. Immer, wenn in einem "normalen" Hollywoodfilm einer dieser standardisierten Dialoge Konflikte oder Gefühle mühsam erläutern muss, wird hier gesungen. Und wie! Eine herausragende Nummer nach der anderen und alle treffen den Sound der damaligen Zeit. Allein, wenn man die Musik mag, lohnt schon der Film.
Unterhaltsam, bewegend, klasse.