Alexander Gorkow verschmilzt mit seinen Interviewpartnern, er schafft eine Atmosphäre der Nähe, des Zutrauens, er schleimt opportunistisch, nur um im nächsten Moment mit diesem Schleim zu werfen. Die Interviews sind für mich schönste Enthüllungen des Seelenlebens, Verbrüderungen, Distanzierungen, ein wirklich gekonntes Spiel aus Schleim und Eis. 5 von 34 Interviews sind mit Frauen. Die Interviewten kommen aus allen kulturellen Bereichen, sie reichen von eher unbekannt bis omnipräsent.
Alleine schon die kurzen, einführenden Beschreibungen der Interviewsituation, des Gegenübers sind kleine Kunstwerke. Erkennen Sie den/die Interviewte(n)?
1. Er ist klein und präsent...eine Stimme aus Eisen, kreisrunder Kopf, stechend blaue Augen.
2. Er sieht furchterregend smart aus. Schlaksiger, größer als erwartet.
3. Er hat so schmale Schultern, dass man denkt, man kann ihn wie ein Speer werfen.
4. Die Ärmel hat er hochgeschlagen, und tja, diese Oberarme.
5. Wer mit 70 so dasitzt, hat mit Leidenschaft gelebt.
6. Das Leben schmeckt ihr. Sie wird das Gespräch nutzen, um den Interviewer mental wieder auf die Spur zu bringen.
7. Die Augen, der Mund, die stockfinstere Stimme. Sie lässt sich Feuer geben für eine extralange Zigarette.
8. Die Augen funkeln vor Lebensfreude, und ihre Körpersprache ist die einer Lady, die die vulgär sein kann, es aber nicht ist.
9. Sie trägt einen Jogginanzug, kerniger Händedruck, sie hüpft aufs Sofa, kreuzt die Beine, strahlt.
10. Sehr gut aussehender älterer Herr. Schwarze Hose. Schwarzes T-Shirt. Wildlederschuhe.
Meine Lieblingsinterviews:
1. Bruce Willis, der AG erklärt, dass Zeitungslesen schlecht ist für die eigene Befindlichkeit. Und der Abstand davon nimmt, ein eindimensionaler Patriot zu sein.
2. Nick Mason, der erklärt, dass die Musik von Pink Floyd nicht so ernst war, wie viele Leute glauben.
Jedem Interview vorangestellt ist eine Kurzbiographie und das Lieblingszitat des Autors. Ich mag diese Aussage von J.J. Cale besonders gerne:
"Wir sind nicht für immer hier, oder? Wir sind irgendwann wieder weg. Wir sind Wasser in einem Fluss. Das Wasser ist, wenn wir Glück haben, sauber, es sind ein paar Fische drin, es fließt vorbei, dann ist es weg, neues Wasser kommt. So ist das Leben."