Was wurde nicht alles spekuliert in den Foren und in der riesigen Fanbase dieser einmaligen Band, daher in diesen Zeilen (fast) kein einziges Wort zum Wechsel der Drummer. Für mich klingt 'Dramatic Turn of Events' sehr stark nach den DT Meisterwerken aus den 90ern, 'Images and Words', 'Awake' und vor allen auch 'Scenes from a memory' und ist damit weniger dramatisch, als der Albumtitel erwarten lässt. In der 00er Dekade waren DT deutlich um mehr Komplexität bemüht, immer etwas getrieben. Wahrscheinlich tatsächlich der klare Einfluss von Portnoy. Für Fans, die das Frühwerk mehr verehren, wird mit dem aktuellen Album wahrscheinlich ein langer heimlicher Wunsch wahr. So geht es mir zumindest mir, sie klingen wieder wie früher. Immer noch verspielt und komplex, aber kompakter und harmonischer, mit einer Vielzahl eingängiger Hooks in eigentlich fast jedem Song und nicht mehr so teilweise überladen. Daher volle Punktzahl. Anhänger, die eher die Entwicklung des letzten Jahrzehnts verehren, werden vielleicht eher enttäuscht sein. Aber zum wichtigsten, den Songs:
ON THE BACKS OF ANGELS. Schon bekannt, gibt einen guten Vorgeschmack auf das was noch kommt.
BUILD ME UP, BREAK ME DOWN. Einer der etwas agressiver Songs, sehr kompakt. Die Solos sind technische Brillianz, die Melodie genial. Der frühe erste Höhepunkt. Wer die Platte beim Autofahren hört sollte sich hier lieber auf den Standstreifen stellen, der Drive und die Dynamik könnten etwas zu gross sein.
LOST NOT FORGOTTEN. Was für eine Tour de Force! Der Song beginnt treffend mit Hufgeräuschen und wird ein wahrhafter Ritt. Nach einem Piano Intro zeigen DT ihre Metalseite wie auf 'Train of Thouhts', unterbrochen nur von einem YES gleichen Mittelteil. LaBries Stimme ist sehr kraftvoll, treibt den Song zum grandiosen Finale. Fürs Hören beim Autofahren gilt die Empfehlung von Track 2 ;-).
THIS IS LIFE Eine sehr sphärische Nummer, zum Durchatmen. Klasse Gitarrenparts zu Beginn und mit einer Variation wieder zum Ende. James singt fabelhaft, wie überhaupt auf diesem Album. Erinnerungen an 'Another Day' kommen und gehen. Der Song ist eingänglicher als die beiden vorhergenden, und damit auch radiofreundlicher. Vielleicht die beste Melodie des Album. Und ist damit die perfekte Verschnaufspause für die beiden kommenden Epen.
BRIDGES IN THE SKY. Das erste von zwei Elfminuten Epos. Kann es noch gar nicht richtig erfassen, der härteste Rhythmuspart des Albums, aber sehr catchy im Chorus, ein metalisches Monster von Song. Die Melodie wird im zweiten Teil des Songs durch eine weitere hervorragende Passage ergänzt. Wahrhaft 'proggy', auch wenn ich dieses Wort nicht so mag, keine Note in den über zehn Minuten wirkt umsonst.
OUTCRY. Das Tempo wird etwas gedrosselt, ein Epos wie zu Beginn ihrer Karriere, mit einem wunderbaren Refrain, der mir einen Schauder wie 'Pull me under' über den Rücken jagt. Das Hauptthema wird von Petrucci immer weiter ausgearbeitet und verfeinert. Es macht einfach Spass, dem zu folgen und zuzuhören. GROSS!
FAR FROM HEAVEN Ein Ballade von James und Jourdan, pur akustisch und von Klavier und streichern untermalt, sehr melodramatisch. Zum Durchatmen nach dem epischen Vorgänger. Wenn der Song es ins Liveprogramm schafft, sehe ich engumschlungene Pärchen auf Open Air Geländen, die sich verträumt in die Augen schauen. Auch wenn die hervorragenden Lyrics eher melancholisch und düster sind.
BREAKING ALL ILLUSIONS Ein Meisterwerk, das längste Stück und das erste Stück mit einem Text (danke!:- von Myung seit Jahren. Rockiger, polternden Beginn, ein schöner Chorus. Der Highlight ist aber der iinstrumentale mittlere Part. Er ruft all die Geister hervor, die DT schon lange nicht mehr so intensiv bemüht haben, Yes, Rush, Pink Floyd. Hier wird das altmodisch progressive Element zelebiert, zum niederknien.
BENEATH THE SURFACE Eine wunderbare akustische Ballade, wie sie sich DT ja seit Jahren verkniffen haben, beendet das Album. Erinnert ein wenig an 'Take away the Pain', die Nicht-Balladen Freunde seien vorgewarnt.
Wow! Many Killers (BUILD ME UP, BREAK ME DOWN; BREAKING ALL ILLUSION; THIS IS LIFE; OUTCRY), keine Fillers - ausser vielleicht FAR FROM HEAVEN, das aber gut geparkt zwischen zwei Klassetracks nicht wirklich negative auffällt. Dazu noch die gewohnt erstklassische Produktion und die wiedergenese Stimme von LaBrie.
Ich wünsche dem Album sehr, dass es die Fans nicht zu sehr spaltet, da es vielleicht für einige ein kleiner Schritt zurück sein könnte. Für mich ist es ein in sich geschlossenes DT Meisterwerk, am ähnlichsten 'Awake', mit dem sich wie schon so oft die Nachfolgeralben vergleichen lassen werden müssen.
UPDATE nach 8 Wochen: Die Platte "funktioniert" immer noch, hat sich nicht abgenutzt. Höre gerade beim morgendlichen Arbeiten BREAKING ALL ILLUSIONS. So einen Effekt hatte ich schon lange nicht mehr bei einem DT Album. Und beim Sichten der Kommentare, muss ich mich outen. JA, ich bin ein Fanboy. Ja, ich verehre diese Band für ihre Musikalität. Und wenn Fanboy bedeutet, dass ich die Musik nicht zu Tode analysieren muss, bis zur letzten Synkope, sondern sie vielmehr einfach einfach wirken lassen kann, dann bin ich gerne ein Fanboy ;-)