Schulversager, chronisch unterfordert, soziale Niete, altkluges Wunderkind, genialisches Superhirn oder alles auf einmal.
Es kann schon ein großes Drama sein mit den Hochbegabten. Meine eigene Hochbegabung wurde ausgerechnet in der Psychiatrie festgestellt. Vom Autor hätte ich denn auch erwartet, mir fundierte Einblicke in solche Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen dieser persönlichen Dramen um die Hochbegabung zu liefern.
Doch leider schneidet er diese Themen immer nur kurz an, streift sie oberflächlich und verbindet sie etwas angestrengt stattdessen ständig mit dem Minotauros-Mythos, der herhalten muß, um die verschiedenen Ausprägungen von Hochbegabung zu veranschaulichen. So wird zB. aus der Sklaven-Frau des Dädalos kurzerhand ein Sinnbild für alle hochbegabten Frauen, die ihr Dasein am Herd dem Ehemann "opfern" und aus dem Minotauros der monströse Hochbegabte, der Unheil stiftet. Damit nicht genug, besteht das halbe Buch aus nichts anderem als dieser gar nicht immer so unpassend erscheinenden Bisoziation mit eben diesem Mythos und unzähligen Aufzählungen irgendwelcher Figuren aus der Pop- und Weltkultur, die vom Scheidts Meinung nach hochbegabt sind. Von Harry Potter über Hitler, von James Bond Bösewichtern über Osama Bin Laden, Chuck Berry und seinen vielgeliebten Helden aus Science Fiction Romanen, die er nie müde wird lobzupreisen. Mit Hinweisen auf seinen eigenen Workshop zum kreativen Schreiben, versteht sich, und mit viel Werbung für seine Website, die mit Hochbegabung nur am Rande zu tun hat.
Es gibt nur einen einzigen anschaulichen Fallbericht aus der Praxis, der auch noch über das ganze Buch hinweg zerstückelt ist. Der womöglich hochbegabte Leser hat ja gefälligst "labyrinthisch-vernetzt" denken zu können, da kommt es auf eine einheitlichere Struktur des zusammengewürfelten Inhalts wohl nicht so an. Dazwischen liefert der Autor allgemeine Informationen zum Thema, die allesamt altbekannt sind, nichts Neues und vor allem nichts eigenes bieten außer der Behauptung, daß zwei Drittel aller Hochbegabten ihr Potenzial gar nicht nutzen würden. Wissenschaftlich fundiert ist dies jedoch keineswegs, die Zahl basiert auf Schätzungen des Autors, und mindestens ebenso spekulativ ist der Selbsttest, der nur auf Persönlichkeitseigenschaften basiert, die Hochbegabten nachgesagt werden. Mehr als ein grober Hinweis kann der nicht sein.
Gänzlich abstrus wird es dann, wenn vom Scheidt in uns Hochbegabten gleich eine neue Gattung Mensch auszumachen glaubt, die dem Rest seiner Spezies evolutionär voraus wäre. Vielleicht sollte vom Scheidt seine Vorliebe für Science Fiction besser von einem Sachbuch zu trennen wissen. Andererseits machen diese ganzen Querverweise und Rückgriffe aber auch Spass, das Buch liest sich flott und der Autor versteht es sehr gut, über den dürftigen Informationsgehalt des Buches und den Mangel an Tiefgang hinwegzutäuschen, indem er den Bogen sehr weit spannt und den Leser mit seinem unterhaltsamen Schreibstil bei Laune hält.
Als Fazit sei auch mir eine Metapher erlaubt: das Buch ist wie Fast Food, man hat es schnell intus, es wirkt erstmal sättigend, doch hinterher hat man noch den gleichen Appetit nach mehr wie zuvor.
Ein Stern für den Inhalt und zwei für den angenehmen Zeitvertreib, das Buch zu lesen.