Was hatte ich damals geschimpft: Eine Charaktererstellung, die jedem Rollenspiel Schande macht, güldenes Rüstwerk für meinen Magus und nicht enden wollende, immergleiche Schwertschwingerei - Drakensang 2008 war ambitioniert begonnen und fürchterlich überfordert veröffentlicht worden. Nicht so dieses Mal. Das Neue ist allenfalls halb so episch, doch dafür um einiges glaubhafter. Mit Drakensang: Am Fluss der Zeit gelang Radon Labs endlich eine würdige Auskopplung aus dem namenhaften Pen & Paper-Franchise.
Positives
Am Fluss der Zeit hat vor allem eines vorzuweisen: Leidenschaft für Rollenspiele. Erzählt wie eine kleine Gute-Nacht-Geschichte und bis ins Detail entworfen, spielt es in puncto Hingabe und Arbeitseifer der Entwickler in einer anderen Liga. Angefangen bei der sagenhaften Grafik, die mit warmen Tönen Licht und Schatten zu stimmungstragenden Säulen erhöht, über die zauberhafte Animation der quicklebendigen Welt, in der gehörnte Hausfrauen ihre Gatten mit Nudelhölzern durch die Gassen scheuchen und Kätzchen sich putzend auf Kisten sonnen, bis hin zur Synchronisation, die in dieser Qualität neue Maßstäbe setzt.
Speziell die Vertonung der Texte, im ersten Versuch nur angedeutet, hebt Am Fluss der Zeit auf ein neues Level der Unterhaltung. Schnell wird offenkundig, dass es sich hierbei um ein deutsches Rollenspiel handelt, geschrieben von deutschen Autoren für deutsche Fans des Genres. Unzählige Bezüge zu hiesigem Volksgut und heimischer Märchenkunde sowie die Einflechtung vieler verschiedener Dialekte und Sprachmelodien lassen Land und Leute so lebenswahr wirken, dass man sich wirklich in der Welt zu verlieren und die Zeit zu vergessen droht. Ein beispielhaftes Niveau, das zuvor nur Gothic 2 erklomm.
Bemerkenswert schien mir ferner, dass man offenbar Überstunden schob, um den Spieler überall hin zu begleiten. Während vermeintlich langweiligen Fußmärschen von einem Ort zum nächsten unterhalten sich die Spaziergänger fortwährend und verweisen auf die Umgebung - Langeweile tabu. Und selbst wenn die eigene Party bäuchlings den Boden beäugt, setzt die Rahmenhandlung ein. Der Erzähler hätte nur prüfen wollen, ob sein Ein-Mann-Auditorium ihm überhaupt noch zuhören würde. Das erinnerte mich ein bisschen an die kurzen Vierzeiler aus der Nordlandtrilogie, die ich noch heute darbieten könnte. Ja, ich musste damals ziemlich oft laden ...
Endlich wieder DSA: Ich bin kein Pen & Paper-Freund, aber ich habe mich, wie eben erwähnt, schon in den Neunzigern in diesen Gefilden herumgetrieben. Am Fluss der Zeit sah ich mich endlich wieder zurück daheim. Es gibt genügend dere'sche Anspielungen und die Zwölfe scheinen allgegenwärtig.
Wertfrei
Für den einen ein Grund zum Murren, dem anderen fällt ein Stein vom Herzen. Zwei Eigenarten erwähne ich daher ganz wertfrei. Dazu gehört zum einen, dass die Kämpfe vergleichsweise langsam ablaufen und hin und wieder ordentlich Zeit in Anspruch nehmen. Erklärte Action-Rollenspieler könnten mit offenen Augen einschlafen. Mich persönlich freute es gar, aber ich werde auch nicht jünger.
Die Haupthandlung ist verhältnismäßig überschaubar erzählt. Kein Grund zur Sorge, wie ich finde, da die reine Spielzeit - das Gros der Nebenquests inklusive - dennoch genug hergibt, um den vollen Kaufpreis zu rechtfertigen, von einem gegebenen Wiederspielwert ganz zu schweigen. Dennoch nimmt es Am Fluss der Zeit mit der monströsen Story des vor knapp zwei Jahren erschienen Sequels nicht auf. Alles wirkt soviel kleiner und kompakter. Was Fans des Vorgängers dauern könnte, stimmte mich wiederum glücklich. Mir persönlich war das erste Drakensang wenigstens eine Nummer zu kitschig.
Negatives
Ein Sternchen Abzug bedeutet natürlich gleichwohl, dass es Gründe zur Klage gibt. Wie schwer diese wiegen, entscheidet ihr einfach selbst. Mich schreckte jedenfalls keiner davon derart, dass ich den Kauf im Nachhinein bereuen würde.
Bedauerlich: Vier Begleiter an der Zahl - mehr werden es im Verlauf des gesamten Abenteuers nicht. Es müssen bestimmt keine Zehn wie noch im Ersten sein, wenn man eh nur drei Posten vergeben darf, aber vier waren mir, angesichts interessanter Begegnungen, dann doch einer oder zwei zu wenig. So können viele chice Ausrüstungsgegenstände gleich verkauft werden, wenn man die Klasse nicht selbst spielt und der Rest der Mannschaft versorgt ist. Logisch, dass einem die Wenigen dann umso mehr ans Herz wachsen. Dass ich am Ende einen meiner Treuesten auf dem Schiff lassen musste, fand ich doch unglücklich arrangiert.
Es gibt zwei Gebiete, die geradezu einfallslos aus der Reihe purzeln. Um nicht zuviel zu verraten, seien sie nicht beim Namen genannt, nur soviel: Es fehlt sowohl an einer wirklich packenden Binnenhandlung, als auch an abwechslungsreichen Gegnern, die die Mühe wert sind. Hier setzte der hohe Anspruch der Macher augenscheinlich kurz aus. Immerhin: Für das Hauptquest ist keines der beiden relevant.
Verhältnismäßig versiert fand ich mich in der Fortbildung meiner Streiter. Dennoch erreichte keiner dieser auch nur ansatzweise die Gefährlichkeit des gerufenen Skeletts meines Totenbeschwörers. Dabei war dieses eigentlich nur als Stütze und nicht als der Damage Dealer der Truppe gedacht. War es erst einmal mit dem Zweihänder zugange, erübrigten sich weitere Sprüche, da die Gegner zumeist hinüber, bevor die Zauber aufgesagt waren.
Die Charaktergenerierung wurde nur marginal verbessert und bleibt vor allem das Äußerliche betreffend mau. Die Identifikation mit der Hauptfigur ist demnach immernoch so eine Sache, die mir Probleme bereitet.
Und schließlich: Man findet definitiv zuviel Handwerksmaterial, das einfach zu wertlos ist, um es zu sammeln und zu verkaufen, in diesen Massen aber auch niemals Verwendung findet. Will man den Inhalt eines jeden Fasses und einer jeden Truhe nicht jedesmal sorgsam filtern, ist das Inventar ständig mit irgendeinem Plunder verstopft.
Fazit: Ein ganz klarer Pflichtkauf für Liebhaber klassischer, deutscher Rollenspiele sowie DSAler, die dem Medium nicht abgeneigt sind. Das Kampfsystem erfordert reges Mitdenken und ist nichts für Hack & Slay-Fans, hier aber auch nicht so aufdringlich wie noch im Vorgänger. Natürlich gibt es Verbesserungspotential, doch das macht dieses Mal Hoffnung auf einen weiteren Teil. Jede Wette, dass das nicht das Ende des Liedes war ...