Mit "Drangon Keeper" kehrt Robin Hobb wieder nach Bingtown und in die Regenwildnis zurück, wo auch schon ihre "Liveships" Trilogie gespielt hat. Dennoch ist es nicht nötig, die vorherige Bücher gelesen zu haben, die "Dragon Keeper"-Reihe scheint wie die anderen Trilogien aus ihrer Feder als Stand-alone gedacht zu sein (auch wenn es dem ganzen mehr Tiefe gibt, wenn man die Welt schon kennt).
Zwar tauchen einzelne Charaktere wieder auf (Malta, Althea, Brashen, das Schiff Paragon, der Drache Tintaglia... auf weitere darf man gespannt sein), aber sie haben bis jetzt keine tragende Rolle inne.
Die Handlung in Kürze und ohne Spoiler:
In Hobbs Welt schlüpfen aus Dracheneiern keine Drachen, sondern Seeschlangen.
Sie verbringen ihre lange Jugend im Meer, wandern den Regenwild hinauf, verpuppen sich an dessen Ufern, machen eine Metamorphose durch und wachen einen Winter später als Drachen auf. Dieser Zyklus wurde vor lange Zeit durch eine Katastrophe unterbrochen.
Nur einen lebenden Drache gibt jetzt es noch: Tintaglia. Sie hat mit den Menschen am Regenwildfluss einen Vertrag abgeschlossen: Pflege und Hilfe für die jungen Seeschlangen gegen Schutz von feindlich gesinnten Nachbarn. Die Stimmung ist euphorisch, die Menschen hoffen auf weitere Drachen als starke Verbündete und Tintaglia sehnt sich nach ebenbürtigen Gefährten.
Doch die jungen Drachen sind eine Entäuschung: Alle sind mehr oder weniger verküppelt und keiner von ihnen kann fliegen. Enttäuscht wendet sich Tintaglia von ihnen ab und überlässt sie der Obhut der Menschen. Diese werden der gefräßigen Jungdrachen bald mehr als überdrüssig und würden sich ihrer nur zu gern entledigen. Doch wie, ohne dabei vielleicht doch den Zorn der unberechenbaren Verbündeten Tintaglia zu erregen?
Man beschließt, die Drachen zusammen mit einer Schar von jugendlichen Pflegern, den "Dragon Keepers" in die Wildnis zu schicken, auf der Suche nach einer sagenumwobenen untergegangen Stadt, die (aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht verraten möchte - aber wer die Farseer gelesen hat, kennt diese Stadt) eine bessere Zukunft verspricht.
So kann man sich eleganterweise auch gleich einiger unerwünschter Mitbürger entledigen, denn auch die Keepers sind alle in irgendeiner Weise geächtet und unerwünscht.
Begeleitet wird die Truppe von einer jungen Händlerstochter aus gutem Hause (samt ihrem wiederwilligem, dandyhaftem Sekretär und dem vierschrötigem Kapitän ihres gemietetem Flussschiffes), die ihrer missglückten Ehe und ihrem langweiligen Leben entflieht, indem sie sich in das Studium der Drachen der alten Zeit vertieft.
Sie war voller romantischer Träume in die Regenwildniss gereist um das einzige echte, große Abenteuer ihres Lebens zu erleben, die Geschöpfe ihrer Tagträume zu sehen, über die sie (in der grauen Theorie...) durch ihre Studien mehr weiß als jeder andere Mensch.
Die Wirklichkeit entspricht nicht ihren Erwartungen. Doch das Leben, in das sie zurückkehren müsste, ist nicht besser und der verhasste Ehemann weit weg, also wagt sie den verboten Sprung ins kalte Wasser...
Zwar ist das Grundmuster einer Gruppe von nicht ganz freiwilligen Gefährten, die zu einer Suche aufbrechen, nun wirklich alles andere als neu, trotzdem schreibt Robin Hobb keine 0815-Fantasy.
Stereotype Charaktere die es in jedem Fantasyroman "geben muss" (den verschlagenen, listigen Dieb, den weisen alten Zauberer, die schöne Elbin, die bösen Orks...) wird man hier vergebens suchen. Statt dessen findet man sehr realistisch gezeichente Charaktere in phantasievollen Settings mit abslout stimmiger Kontinuität (letzteres kann man nur beurteieln, wenn man die anderen Reihen aus derselben Welt, also die beiden "Farseer" Trilogien und die "Liveships" ebenfalls kennt, aber das ist wie gesagt zum Verständniss nicht nötig).
Auch wenn die Story an sich nicht zu kurz kommt:
Die Basis der Geschichte sind die Charaktere, mit all ihren Nöten und Zweifeln. Strahlende Helden gibts hier nicht. Nicht, dass niemand das Zeug zum Helden hätte, aber es gehört halt mehr dazu als ein Schwert mit einem magischen Edelstein und ein weißbärtiger Mentor...
Mehr als in den letzten Büchern (augenommen die Soldier-Son-Trilogie, die aber nicht in derselben Welt spielt wie ihre anderen Romane) beschäftigt sich Hobb mit Themen wie Behinderung, Anderssein (ua auch Homosexualität) und gesellschaftliche Ächtung.
Alles in allem was für Leute, die zwar Fantasy mögen, aber nicht so auf epische Schlachten und strahlende Helden stehen, sondern lieber stille Töne und glaubhafte "echte" Menschen lesen. Das erste Buch war auf jeden Fall grade mal der vielversprechende Auftakt, die nächsten Bände erwarte ich mit Spannung!
Ach ja, die Aufmachung des Hardcovers ist ebenfalls sehr nett und edel, schöne Illustration, die tatsächlich was mit der Story zu tun hat (was man ja nicht von allen Fantasyromenen sagen kann)und hübscher Glanzeffekt. Nur schade, dass John Howe nicht mehr die Covers macht wie für Hobbs vorherige Bücher.