SPOILER
Bevor ich mit "Dragon Keeper" startete, hab ich die von mir heißgeliebten drei Vorgänger-Trilogien nochmals gelesen, damit mir der ganze Hintergrund wieder präsent ist. Leider musste ich jedoch feststellen, dass die Rain Wild Chronicles nicht an die Trilogien heranreichen. Für sich betrachtet sind "Dragon Keeper" und "Dragon Haven" gefällige und kurzweilige Bücher, doch gegenüber den drei Trilogien wirken sie blass.
Zum einen liegt das wohl daran, dass jede der Trilogien geradezu epische Ereignisse in höchster Komplexität und mit hohem Ereignisreichtum umfasst; der Protagonisten sind viele an der Zahl und von tiefgründigem Charakter, und sie werden in eine Vielzahl von Handlungsfäden verstrickt und entwickeln sich weiter. Auch "Dragon Keeper" baut anfangs einen vielversprechenden und weitreichenden Rahmen auf, in dem die Geschichte startet, und spannt den Bogen von Bingtown bis Trehaug und Cassarick. Klug wird der wirtschaftliche Kontext aufgebaut, der den Treck der Drachen anschiebt. Mit dem Aufbruch der Drachen und ihrer jugendlichen Betreuer jedoch verengt sich die Handlung auf das unmittelbare Umfeld von Fluss und Wald. Die Geschichte in den Rain Wild Chronicles wirkt dann im Gegensatz zu den anderen Trilogien eher geradlinig. Besonders in "Dragon Haven" wird die Handlung zusammen mit dem immer enger werdenden Fluss inmitten des Regenwalds auch immer begrenzter; die Ereignisse passen sich den beengten räumlichen Verhältnissen an, selbst das größte Ereignis (Flut) quetscht sich durch engen Baumbestand wie auch durch kleinlichen Hickhack der Drachen und ihrer Begleiter. Die Handlung wird mit jeder Seite zunehmend vorhersehbar; z.B. auf Heeby und Rapskals Schicksal hätte ich eine Wette abschließen können.
Zum anderen sprang mir beim Lesen der Vorgänger mal wieder ins Auge, dass FitzChivalry einfach die beste Erzählstimme der Autorin ist; es gibt selten einen so gelungenen Ich-Erzähler wie ihn. Für mich fiel selbst die brillante Liveship-Trilogie etwas gegenüber den Farseer-Bänden ab, weil mich die Erzählweise in dritter Person letztendlich doch nicht so gefangen genommen hat wie Fitz. Bei den Rain Wild Chronicles ist die Erzählweise ebenfalls in der dritten Person. Während jedoch die Charaktere der Liveship Trilogie mannigfaltiste Handlungsstränge meistern müssen und auch weite Spektren innerer Reflexion abdecken, dünnen sich in den Rain Wild Chronicles Erzählperspektiven und innere Charakterentwicklungen rasch aus. Die wesentlichen Protagonisten sind Alise (denkt bald nicht mehr über Drachen nach, sondern nur noch an den verbotenen Mann), Thymara (glorifiziert ihre spießbürgerliche Enthaltsamkeit), Leftrin (denkt bald fast nur noch an die verbotene Frau) und Sedric (wandelt sich vom Schurken-wider-Willen zum Drachenfreund). Im zweiten Band verbleibt nur noch Sedric als die einzig interessante, sich wandelnde Figur, und die gleichbleibenden inneren Reflexionen der anderen wiederholen sich zu oft.
Ich war vor allem davon enttäuscht, dass die Drachen so unter Wert verkauft werden. Nur ein einziger Drache (Sintara) hat eine eigene Erzählperspektive; die Drachencharaktere sind bestenfalls zweidimensional (Mercor - immer gut und edel, Sintara - eingebildet und affektiert). Wenigstens dürfen einige der geistig zurückgebliebenen Drachen im zweiten Band doch noch ein bißchen aufdrehen wie Relpda und Spit.
Leider fallen "Dragon Keeper" und "Dragon Haven" gegenüber Robin Hobbs früheren Bänden arg ab. Aufgrund der oft witzigen Brieftaubenpost zwischen Erek und Detozi doch noch 3 Sterne.