"Dracula jagt Mini-Mädchen" – der deutsche Verleihtitel ist ohne Zweifel das gruseligste an diesem Werk. Ansonsten bietet der Streifen gepflegten Horror im “Hammer”-Stil, auch wenn er nicht mit den früheren “Dracula”-Verfilmungen mithalten kann. Man darf den Versuch, den Mythos des blutdürstenden Vampirgrafen aus dem viktorianischen England in die Neuzeit zu transferieren, als Aufbäumen der “Hammer”-Studios gegen den drohenden Untergang betrachten. Anfang der 70er Jahre übernahmen neue Monster die Herrschaft über die Kinoleinwand, und spätestens seit “ The Texas Chainsaw Massacre” war klar, dass der anachronistisch wirkende Adelige aus dem fernen Transylvanien abgedankt hatte – und mit ihm eine ganze Epoche gepflegter Schauermärchen. Tatsächlich wirkte der eckzahnbewehrte “Dracula” gegen den kettensägenschwingenden Kannibalen-Metzger “Leatherface” alles andere als angsteinflössend, und daran konnten auch seine zahlreichen Comebacks in den vergangenen Jahren nichts ändern.
Auf den ersten Blick vermutet man bei “Dracula A.D. 1972” (so der Originaltitel, der glücklicherweise auch im Vorspann verwendet wird) einen leichten Hauch von Trash, und im Vergleich zu den opulent ausgestatteten Kostümfilmen, mit denen Christopher Lee zu Weltruhm gelangte, wirken seine Abenteuer im ausgehenden “Swinging London” tatsächlich etwas billig und schnell heruntergekurbelt. Dennoch hat der Film einige unbestreitbare Qualitäten, allen voran die Besetzung. Noch einmal treffen hier die beiden ultimativen Erzfeinde des “Dracula”-Mythos aufeinander, denn der gnadenlose Vampirjäger Professor van Helsing wird wieder dargestellt von Peter Cushing, und allein sein Auftritt ist es wert, gesehen zu werden. Obwohl Christopher Lee sowohl in der Werbung als auch im Vorspann an erster Stelle genannt wird, bekommt er wenig Gelegenheit, sich in seiner Paraderolle zu präsentieren. Wenn er jedoch auftaucht, gehört die Szene ihm, und er erledigt seinen Job souverän wie eh und jeh. Christopher Neame als sein getreuer Helfer Johnny Alucard (!) – man lese den Nachnamen mal rückwärts – wirkt bisweilen dämonischer und gefährlicher als sein von ihm wiedererweckter “Meister”, und mit Marsha Hunt und Caroline Munro bekommt der beisswütige Untote ein paar wirklich appetitliche Häppchen serviert.
Viel lieber jedoch würde er seine Zähne in den weichen Hals von Stephanie Beacham schlagen. Sie spielt Jessica van Helsing, eine Nachfahrin jenes Mannes, der den lästigen Blutsauger im Jahre 1872 (wieder einmal) ins Jenseits beförderte. Der Film beginnt mit einer rasanten Kutschfahrt durch den nächtlichen Hyde-Park, und auf dem Dach des Gefährts kämpfen Lawrence van Helsing und Graf Dracula um Leben und Tod. Als sich die Pferde losreissen und die Kutsche gegen einen Baum prallt, wird der Vampir von den Speichen eines Rads gepfählt und zerfällt zu Staub, als ihm der schwerverletzte van Helsing mit letzter Kraft den Rest gibt, bevor er selbst das Zeitliche segnet.
Als hätte er geahnt, dass seinem Herrn und Gebieter in dieser Nacht Schlimmes widerfährt, eilt geschwind in bester Renfield-Manier einer seiner Helfershelfer herbei, zieht am Tatort den Pfahl aus der Erde, sammelt etwas von Draculas Asche ein und nimmt den Ring des Vampirs an sich. Warum er den Grafen nicht an Ort und Stelle wieder zum Leben erweckt, wissen nur die Götter (und der Drehbuchautor). Am Tag von van Helsings Beisetzung präpariert er eine bestimmte Stelle knapp ausserhalb des Friedhofs (ungeweihte Erde – sehr wichtig), damit einer seiner Nachkommen das Werk vollenden kann.
Ein irrer Zeitsprung von genau 100 Jahren versetzt den Zuschauer in das London der Hippie-Ära, und wer sich heute noch gerne Serien wie “Department 6” und “Die 2” allein aufgrund der damaligen Klamotten ansieht, kommt auch hier voll und ganz auf seine Kosten. Johnny Alucard, der Anführer einer Clique von jungen Leuten, gibt sich gerne als Light-Version des Alex aus “Clockwork Orange” und als Schrecken des spiessigen Establishments. In Wirklichkeit jedoch verfolgt er ganz andere Ziele, und es ist kein Zufall, dass Jessica van Helsing zu der Gruppe gehört, mit der er gerne um die Häuser zieht oder in den Villen der Reichen und Schönen spontane Partys feiert, bis die Polizei anrückt. Als er eines Tages vorschlägt, in einer verlassenen Abtei, die zum Abbruch freigegeben ist, eine “Schwarze Messe” zu feiern, klingt das zunächst nach einem Riesenspass und einer willkommenen Abwechslung. Und – welch Zufall – es handelt sich dabei genau um jenes Gotteshaus, auf dessen Acker Lawrence van Helsing einst zur letzten Ruhe gebettet wurde und in dem noch immer ein ganz besonderer Pfahl steckt...
Es kommt, wie es kommen muss: Johnny erweckt Dracula zu neuem Leben, wobei er mit seiner Zeremonie den anderen Blumenkindern solche Angst einjagt, dass sie Hals über Kopf das Weite suchen. Zurück bleibt die blutbesudelte und zutiefst verstörte Laura, die auch gleich als Mitternachtsimbiss für den hungrigen Grafen herhalten muss.
Anderntags wird die blutleere, verstümmelte Leiche des Mädchens zufällig von spielenden Kindern gefunden (damals liefen die Kleinen noch über Schutthalden und stolperten über Tote, anstatt zuhause vor dem Bildschirm zu hocken). Die Polizei tappt zunächst im dunklen und vermutet einen Ritualmord. Diese Annahme und die Tatsache, dass Laura aktenkundig war und in der Liste ihrer Bekannten auch der Name Jessica van Helsing auftaucht, sorgt für ein Treffen des ermittelnden Inspektors mit Jessicas Großvater, Professor van Helsing, einer bekannten Kapazität auf dem Gebiet des Okkultismus. Natürlich dauert es nicht lange, bis der Professor die richtigen Schlüsse zieht und erkennt, dass Dracula wieder auf Erden wandelt und sich am Geschlecht derer van Helsing für die vielen Niederlagen rächen will, indem er Jessica zu seinesgleichen macht.
Als weitere Leichen mit Bisswunden am Hals auftauchen, lässt sich der Inspektor nach und nach von der Theorie des Professors überzeugen. Leider zu spät, denn Jessica befindet sich bereits in den Fängen des Feindes. Als van Helsing dank eines Tipps die geheime Wohnung von Johnny Alucard findet, muss er zu seinem Schrecken feststellen, dass auch dieser inzwischen ein Vampir geworden ist. Es gelingt ihm zwar, seinen Widersacher zu vernichten, wo er seine Enkelin finden kann, erfährt er jedoch nicht. Dennoch folgt er instinktiv der richtigen Spur und entdeckt das Mädchen in der leeren Abtei, zu der Dracula immer wieder zurückkehren muss (Vampire sind nun mal echte Gewohnheitstiere). Noch ist Jessica ein Mensch, doch sie steht bereits unter dem Bann des Unholds. So bleibt dem wackeren Professor gemäss der Familientradition nichts anderes übrig, als dem Fürsten der Finsternis im Kampf entgegenzutreten, bewaffnet mit Kruzifix, Weihwasser und einem silbernen Dolch, um ihn endgültig (?) und für alle Ewigkeit (?) oder wenigstens bis zum nächsten Film (!) auszulöschen...
Fazit: Gut gemachter Unterhaltungsfilm mit zwei exzellenten Hauptdarstellern.