Im Gegensatz zu Büchern, die darauf "spezialisiert" sind, ihrem Publikum die inneren Zustände von Charakteren näher zu bringen, ist Film ein schwerpunktmäßig visuelles Medium, das auf dargestellte Aktion und bildliche Symbolik als Stilmittel setzt. Diese Unvereinbarkeit der Ansätze mag einer der Hauptgründe sein, warum filmische Buchumsetzungen ihr Publikum oftmals enttäuschen.
Bram Stoker's Dracula ist einer der wenigen Filme, die "ganz Film" sind und ihrer literarischen Vorlage trotzdem gerecht werden. Dies liegt zum einen am gewählten Thema. Dracula ist selbst Menschen ein Begriff, die das Buch nie gelesen haben. Der klassische Stoff, der bereits oft in verschiedenen Medien interpretiert wurde, ist so etabliert, dass er zwar ein einzigartiges Werk darstellt, aber aufgrund seines allgemeinen Bekanntheitsgrads nicht so fest an die Konventionen seiner Buchform gebunden ist, dass ein Ausbruch aus ihnen zwangsläufig störend auffällt.
Bram Stoker's (bzw. Francis Ford Coppolas) Dracula ist ein bildgewaltiges Epos um Schuld und Unschuld, Liebe und Hass, Verführung, Sturz und Sühne. Der Film schafft es, ein opulentes, vor Farbsymbolik strotzendes und atmosphärisch extrem dichtes Werk zu sein. Gleichteitig ist er auch eine Liebeserklärung an das Medium Film, mit dem das Draculathema seit dem frühen 20. Jahrhundert untrennbar verbunden ist. Antiquiert wirkende Kompositionsmittel wie Irisblenden, monochromatische Farbgebung oder das transparente Einblenden unheilvoller Augen und Gesichter in Szenen muten wie eine Erinnerung an die ersten Horrorfilme an, die mit einfachsten Aufnahmetechniken ihre Atmosphäre erzeugten. Selbst der giftgrüne Nebel, in den sich dieser Dracula der 90er verwandelt und der Erinnerungen an das Trashfilmimage späterer Genrevertreter weckt, verbindet sich mit den herrlichen Kulissen der bedrückend leblos wirkenden Studioaufnahmen und Aufsehen erregenden Makeup-Effekten.
Inhaltlich ist Bram Stoker's Dracula auf verstörende Weise erotisch, verrucht und abstoßend, aber niemals vulgär oder auf reine Effektheischerei ausgelegt wie die vielen Filme des Splattergenres, das dem klassischen Horrorfilm entwuchs. Tatsächlich sind die Hauptfiguren und "Helden" dieser Interpretation der Geschichte Mina Harker und ihr Geliebter Dracula, die sich gegenseitig in einem Sog aus urtümlicher Leidenschaft verlieren und die Kraft aufbringen müssen, sich aus diesem zu befreien. Nur so können beide dem Fluch entrinnen, der Dracula seit Jahrhunderten quält.
Unterstützt werden Gary Oldman in der Rolle des Dracula und Winona Ryder als Mina Harker von einer Riege köstlich überzogen aufspielender Charakterdarsteller, allen voran Anthony Hopkins als Vampirjäger Abraham van Helsing, der gleichzeitig väterlicher Freund, verschrobenes und weltfremdes Genie und besessener Kreuzzügler gegen das Böse ist. Selbst farb- und charmlose Charaktere wie Keanu Reeves Jonathan Harker fügen sich in das Gesamtensemble ein.
Mal erstickend und klaustrophobisch, dann wieder blutig und fiebrig leidenschaftlich, aber auch auf charmante Weise ironisch, altmodisch und voller bewusst theatralischer Effekte ist Bram Stoker's Dracula ein Genuss für Freunde des stilvollen Horrors.