"Wer sich mit der historischen Figur Vlad Draculeas beschäftigt, wird auch die Legendenbildung um andere historische Persönlichkeiten kritisch beurteilen können".
(Dr. Heiko Haumann)
Der promovierte Historiker, Politologe, Soziologe und Pädagoge Heiko Haumann, schreibt in seinem abschließenden "Dank" (Seite 222), dass er die ersten Anregungen für diesen Band den Gesprächen mit Dr. Ralf-Peter Märtin und dessen Buch "
Dracula: Das Leben des Fürsten Vlad Tepes" verdanke....
Anders als der Althistoriker Märtin (den timediver® bei einem mehrstündigen gemeinsamen "historischen Tauchgang" am 9. Juni 2009 persönlich kennenlernen konnte), der sich in seinem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Sachbuch überwiegend mit dem historischen Vlad III. Draculea befasst, hat Haumann dem Leben und Wirken des walachischen Woiwoden nur das erste seiner fünf Kapitel gewidmet...
Nachdem Haumann bereits in seinem Vorwort u. a. auch die Fragen "Warum glauben Menschen an Vampire?" und "Welche Bedeutung haben Vampire heute" aufgeworfen hat, widmet er sich nach der Darstellung Vlad des Pfählers im dritten Kapitel dem Urteil seiner Zeitgenossen und der Nachwelt. Zunächst geht er auf die Geschichte des Pfählens ein, die bis in die Zeit Hammurapis von Babylon (1729 - 1696 v. Chr.) zurückgeht uns sich sogar in der "Constitutio criminalis Carolina", der Gerichtsordnung Kaiser Karls V. als Strafe für Kindesmord wiederfand. Danach beschreibt er die Flugschriften Kampagne des ungarischen Königshofes gegen Vlad (angeblicher Verrat an die Osmanen) und seine bildliche Darstellung, die teilweise ebenfalls der Propaganda gegen ihn diente. Anschließend werden die byzantinischen, osmanischen und russischen Quellen erörtert. Während Vlad aus osmanischer Sicht vorwiegend negativ als "Scheitanoglu" (Sohn des Satans) dargestellt wird fließt seine Person in Zusammenhang mit seiner "gerechten Grausamkeit" in das Bild Iwans IV. Wassiljewitsch Grosny ein. In den rumänischen Überlieferungen wird Vlad gar als Nationalheld gesehen, der als Verteidiger gegen die Osmanen mit seinem Verwandten Stefan cel Mare, dem Woiwoden der Moldau, dem ungarischen Feldherrn Johann Hunyadi und dem Albaner Gjergj Kastrioti, genannt Skanderbeg, gleichgesetzt wird. Anders als diesen drei, wurde ihm jedoch der päpstliche Ehrentitel "Athleta Christi" nicht verliehen. Bis in die Gegenwart hält sich in Rumänien die Ansicht, dass Vlad als ein Symbol der "eisernen Faust" für die Entwicklung des Landes notwendig gewesen sei. Abschließend stellt der Autor fest, das sich der rumänische Volksglaube an Vampire dort zu keiner Zeit mit der Person den Woiwoden verbunden hat.
Kapitel vier steht im Mittelpunkt des Vampir-Glaubens und des Vampir-Mythos. Nach der Erläuterung zu "Blut ist ein besonderer Saft", wie es Mephistopheles in Goethes Faust nannte, werden die Ursprünge des Vampirglaubens untersucht. Wichtigstes Quelle ist der Volksglaube Osteuropas, der auch Wehrwölfe, Untote, Wiedergänger und Hexen kennt. Der Autor spricht auch die antisemitischen, sexuellen und die gegenüber dem Christentum ketzerischen Gedanken an, die sich wie Okkultismus und Mesmerismus mit diesen Volksglauben vermischten. Die Entstehung und Funktion einer neuen Legende, d. h. der Vampir-Mythos in der Literatur ist Gegenstand des fünften Kapitels. Der Autor stellt auch hier fest, dass in keiner der zahlreichen Vampirgeschichten - gleichwohl Vampir/Dracul im Rumänischen auch das Synonym für Teufel ist - eine Verbindung zu Vlad hergestellt wird. Seit Heinrich August Ossenfelder und seinem Gedicht "Der Vampyr" (1748) stellen weder west-, noch Osteuropäische Autoren bis zu den ersten "Gothic Novels" (Schauergeschichten) im 19. Jahrhundert einen Bezug zwischen Vampir und Vlad her. Im Mittelpunkt stehen jedoch sexuelle Gewalt, wie bei Goethes Ballade "Die Braut von Corinth" und judenfeindliche Klischees, wie bei der "Geschichte vom Knäblein" der Gebrüder Grimm. Haumann nennt Beispiele, dass Vampire immer mit den zentralen politischen und geistigen Auseinandersetzungen ihrer Zeit verbunden waren, wie z. B. die Wiedererstehung der polnischen Nation.
Im Jahr 1897 hat Bram Stoker schließlich die Verbindung zwischen Vampir und Dracula, den er fälschlicherweise las Szekler-Grafen bezeichnet, hergestellt. Die von ihm geprägten Klischees schlagen sich schon bald auf der Bühne und im Film nieder, in denen Haumann jedoch keinen tieferen Sinn sieht. Positiv bewertet der Autor hingegen den Film "
Dark Prince: The True Story of Dracula". Im sechsten und letzten Kapitel geht er auf die heutige Bedeutung des Vampirismus ein. Gleichwohl man leicht geneigt sei, sich über den Glauben an Vampire lustig zu machen, ist der "Mythos des gemachten Vampirs" überall auf der Welt verbreitet und erfüllt bestimmte Funktionen. Den mit Blut verbinden sich Bilder von Tod und Leben, Grausamkeit und Reinheit, Angst und Lust, von Auferstehung und Erlösung. Der Vampir dient als Projektionsfläche für Ängste, Unsicherheiten und Schuldzuweisungen....
Wie sich timediver® im August 2005 selbst überzeugen konnte, wird zwischen Borgo-Pass und Schloss Bran der "westliche Dracula Mythos" lediglich aus Geschäftstüchtigkeit gepflegt, der rumänsicehn Tradition ist er jedoch fremd!
Neben zwei historischen Karten "Europa um 1400" und "Siebenbürgen, Walachei und Moldau im 15. Jahrhundert" runden ein Verzeichnis weiterführender Literatur und ein Register das Gesamtbild einer interdisziplinären Studie ab, die mit 5 Amazonsternen zu bewerten ist.