So kurz nach dem Abspann des kleinen Abenteuers, es ist wohl eine Stunde vergangen, haben es sich zwei Erkenntnisse in meinem Geiste bequem gemacht. Zum einen die, dass ich nicht nur zu faul, sondern gleichwohl zu dumm für den Pfad des Drachen wäre und Unsterblichkeit schon deshalb nicht in Aussicht steht. Die Zweite glaubt, dass ich noch nie ein Adventure gespielt habe, das stimmungstechnisch auch nur annähernd an Dracula 3 heranreicht. Ein zweischneidiges Vergnügen, das nicht jedermanns Sache sein dürfte ...
Es ist das beklemmende, düstere, verlassene Ambiente, das dem Spiel seinen Charme verleiht. Es handelt sich hierbei nicht um ein Point & Click-Adventure, sondern um eines im Stile Mysts. Der Spieler verfolgt das Geschehen aus der Ego-Perspektive, die deutlich mehr Identifikationsspielraum mit dem Protagonisten lässt. So sieht man Nacht und Nebel quasi durch seine Augen. Schließlich schwindet die Distanz zu dem, was ihm widerfährt, und man gerät zwangsläufig in den Bann der Legende, um die sich alles rankt.
Die Stimmung ist es also, worauf sich Dracula 3: Der Pfad des Drachen verlässt, vielleicht auch verlassen muss. Nicht jeder Fan der Thematik steht auf derart knackige Rätsel und nicht jeder Rätselliebhaber mag diese Perspektive. Dennoch könnten sich beide Parteien ob der durchweg spannenden und mitreißenden Story genötigt fühlen, Vladoviste einen längeren Besuch abzustatten. Apropos: Vla - do - viste, ein kleines Dorf im vom Ersten Weltkrieg gebeutelten Rumänien, über dessen Silhouette die Ruine eines geheimnisvollen Schlosses thront - das einstige Zuhause des sagenumwobenen sowie umstrittenen Befreiers Vlad Tepes.
Als die ortsansässige Ärztin das Zeitliche segnet und der Vatikan mit einer Heiligsprechung liebäugelt, soll Pater Arno Moriani die Umstände ihres Ablebens untersuchen. Doch er ist nicht der Einzige, den die Ungereimtheiten immer tiefer in die Angelegenheit zerren ...
Gruselig? Oh ja, wenngleich nicht derart, dass man die "Ist mir zu kompliziert!"-Ausrede über die Maßen strapaziert. Vielmehr gelingt es dem Spiel, dem ausgesaugten Dracula-Mythos neues Leben und gar etwas Unheimliches einzuhauchen. Keine Ahnung, wann mir angesichts einer Vampirgeschichte das letzte Mal ein kalter Schauer über den Rücken lief, aber ich muss wohl dreizehn gewesen sein. Hier war es nochmal soweit.
Das eigentliche Problem ist die Schwere des Falls oder besser die Schwere der Rätsel. Ich hatte nach der Lektüre einiger Rezensionen wirklich Zweifel, ob ich es überhaupt versuchen sollte, wagte es dann aber doch und durchlief die erste Hälfte des Spiels, ohne auch nur einmal die Komplettlösung zur Hand zu nehmen. Ich hielt mich schon für ein kleines Genie, ehe mich die Wirklichkeit im Sauseschritt einholte. Spätestens im letzten Drittel gab ich mich endlich geschlagen.
Das Zermürbende an den Aufgaben: Sie erfordern zuweilen nicht nur seitenweise Lesearbeit, sondern darüber hinaus unsagbar viel Geduld sowie die Bereitschaft, viel Zeit in einen Lösungsversuch zu stecken, nur um am Ende festzustellen, dass das gar nichts gebracht hat. Sinn und Unsinn des eigenen Tuns offenbaren sich häufig erst sehr spät. Das raubte mir schließlich den Mut, ganz zu schweigen davon, dass ich auf einige Lösungsansätze bei aller Liebe nicht gekommen wäre. Interdisziplinäre Knobelleidenschaft ist ebenfalls unumgänglich. Pater Moriani ist nämlich Spezialist für alles: Das Knacken bizarrer Codes, mathematische Zahlenfolgen, das Interpretieren linguistischer Wortspiele, medizinische Analysen, die kleine Elektrik, chemische Experimente und das fachgerechte Entschärfen von Bomben. Das bedeutet nur leider, dass der Spieler selbst von allem ein bisschen Ahnung haben sollte. Das macht das Ganze sehr abwechslungsreich, aber natürlich auch um Längen schwieriger als gewöhnliche Adventures.
Fazit: Ein stimmungsvoller Abstecher in die Draculasage, der mich in Tiefgründigkeit und Intensivität wirklich vom Hocker gehauen hat. Sowohl die so sympathische Hauptfigur als auch das gruselige Flair werden mich das Erlebte noch lange nicht vergessen lassen. Was die Rätsel angeht, möchte ich dennoch warnende Worte sprechen. Ich erkläre mein Können gewiss nicht zum Maß aller Dinge, aber zu dem dieser Rezension und in diesem Fall musste ich gerade zum Ende hin einfach zu oft in die Auflösung linsen. Und nicht jedes Mal gab es den Aha-Effekt. Wer derlei Eingeständnisse zu machen bereit ist oder im Gegensatz dazu zur besonders hartnäckigen und ausgebufften Fraktion gehört, sollte es einfach versuchen. Wer, wie ich selbst, sich vor allem an der Geschichte erfreuen will, tut gut daran, wenigstens ein paar Spielstunden ohne Hilfe zu investieren, um in die Handlung und zu den Figuren zu finden, und dann unter Anleitung weitermachen. Es lohnt sich so oder so.