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Orson Welles, legendärer Filmemacher und künstlerisches Universalgenie des 20. Jahrhunderts, beklagte einmal in einem Interview, dass es keinen wirklich ambitionierten Versuch gab, einen der seiner Meinung nach großartigsten Romane der Literaturgeschichte zu verfilmen. Er sprach dabei nicht von Tolstoj oder Hemingway, sondern von Bram Stoker's Vampirnovelle Dracula. Angesichts zahlreicher cineastischer Fehlversuche resümierte er „They didn't even open the book...".
Recht hatte er. Im Grunde hat sich das bis heute nicht wirklich geändert. Es gibt immer wieder Versuche, den unverändert populären Stoff (eines der meistverkauften Bücher aller Zeiten) für das Kino zu adaptieren, manche durchaus inspiriert und gut gemeint. Doch im Grunde scheitern noch heute alle daran, der erhabenen Unheimlichkeit der Romanvorlage gerecht zu werden. Meistens wird die schauerliche Geschichte, in deren Mittelpunkt die bleierne Schwärze des Bösen steht, zugunsten eines Seitenaspektes, auf den man sich je nach Mode der jeweiligen Zeit stürzt, regelrecht zerstört. So wird der Blutfürst mal auf einen gelackten einsilbigen Grusel-Dandy reduziert (britische Hammer-Filme der 50er bis 70er), mal wird der Liebes- und Erotikaspekt überstrapaziert und Dracula zu einem liebeskranken Single stilisiert (der Vampir als der im Grund nach Liebe suchende Einsame ...wie bei Coppola). Interpretatorischer Freiraum schön und gut ...doch mit dem Roman hat das oft kaum noch was zu tun. Wer also nur die Dracula-Filme kennt, kennt nicht die originale Geschichte.
Und die hat's in sich. Graf Dracula ist zu allererst Bedrohung und Verschlagenheit. Das nahezu omnipotente Böse, das nur überleben kann, wenn es dem Guten die Lebenskraft entzieht. Ein gemeingefährlicher Parasit, ein Killermechanismus, ein düsteres Antithesum zu Gott. Einziger Schutz gegen seine kalte Totenhand ist der christliche Glaube mit seinen Symbolen. Dies birgt eine weltanschauliche Komponente: Wehrhafte Defensivität verteidigt sich nur durch den Glauben gegen instinktgesteuertes Agressortum. Genährt aus Geschichtsmythen, Aberglauben, Volksmärchen und repressivem viktorianischen Zeitgeist, ist Dracula ein faszinierendes Amalgam der Angst und der Graf bis heute der furchteinflößendste Mobb der Romanwelt. Und für alle, die das Buch nicht gelesen haben und von Hollywood fehlinformiert sind: JA, er kann sich auch bei Tageslicht bewegen und zerfällt NICHT zu Staub. JA, er kann sich in niederes Getier verwandeln (Fledermäuse, Ratten, Wölfe). JA, er kann als Nebel durch Türritzen kriechen. Er ist auf Papier um vieles bedrohlicher als im Kino. Woran sich das Kino ebenfalls regelmäßig die Vampir-Zähne ausbeißt, ist die komplizierte aber sehr sinnvolle Struktur des Romans. Diese besteht aus zusammengefügten Tagebucheintragungen, Telegrammen usw. und der Leser wird nicht durch einen Erzähler oder in der Ich-Perspektive durch die Geschichte geführt. Nur indem wir zum Voyeur werden und fremde Tagebücher lesen, erschließt sich uns das unheimliche Geschehen. Irgendwie hat das Buch damit von vornherein etwas Verbotenes, Abseitiges an sich. Der Aspekt des literarischen Puzzles lässt sich nicht adäquat auf die Leinwand übertragen. Vielleicht ist die Gruselmär ja eigentlich unverfilmbar und dazu bestimmt, durch Lesen oder Erzählen weitergegeben zu werden?
So gesehen ist ein Hörspiel eigentlich das geeignetere Medium, Dracula umzusetzen. Erzählen und zuhören: Bilder entstehen im Geiste frei, wo sie auf der Leinwand vorgegeben und naturgemäß begrenzt sind. Aber das ist ja eh der generelle Vorteil des Hörspiels. Dieses Vorteils sind sich die Regisseure dieser nhb-Produktion, Anja Wagener und Wenke Kleine-Benge, sehr bewusst und erschaffen, unbeeindruckt von Filmklischees, ein wohltuend literarisches Dracula-Feeling. Oliver Coors hat die deutsche Erstübersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahre 1908 dramaturgisch gut adaptiert. Das erlesene Sprecher-Ensemble, allen voran Lutz Riedel und Stephan Schwartz, agiert nahezu makellos. Bis hin zum Artwork (nhb kreation) ist alles vom Feinsten. Irgendwie gibt dieses ambitionierte Hör-Erlebnis dem inflationär verwurschteten Stoff die literarische Würde und damit auch das Mysterium zurück. Keine kleine Leistung. Wenn auch kein Ersatz für die Lektüre des unerreicht athmosphärischen Buches, so doch ein gelungener Versuch, sich respektvoll eines Klassikers anzunehmen. Ein guter Beleg dafür, dass das Hörspiel nicht nur heute noch seine Berechtigung, sondern auch ganz spezifische unverwechselbare Möglichkeiten hat.
Die Rollen der Sprecherinnen und Sprecher sind bis in die Nebenrollen prächtig besetzt, daß es schwer fällt jemanden besonders herauszuheben. Ohne die Leistung der anderen Sprecher zu schmälern, möchte ich dennoch besonders Lutz Riedel erwähnen, der als Graf Dracula dafür sorgt, daß garantiert alle eine "Gänsehaut" bekommen.
Regie führen Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne, die auch für Sounddesign, Schnitt und Mischung zuständig ist.
Der Klangteppich ist dezent leise, aber eindringlich im Hintergrund. Das lenkt nicht von der Handlung ab und davon profitieren die Sprecher, die allesamt besonders gut zu verstehen sind.
Eingerahmt sind die 5 CD (nicht 4, wie angegeben) von eindringlicher, passendender klassischer Musik.
Einziger Wertmutstropfen ist das karge Booklet. Der Hörer hätte gern sicher gern etwas über den Autor, Bram Stoker, den Übersetzer, Heinz Willmann, oder über Transsilvanien (Siebenbürgen), erfahren.
Für mich ist es das beste Hörspiel seit langem. Es ist uneingeschränkt empfehlenswert. Unbedingt kaufen! Das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt.
An der Hörspielfassung gibt es nämlich sonst (fast) gar nichts auszusetzen. Sie ist sehr nahe am Buch und brilliant umgesetzt. Wermutstropfen finde ich, daß die Szene mit König Lachen ausgelassen wurde - bei 5 CDs hätte das wirklich nicht sein müssen. Alle Stimmen sind hervorragend (nur Mina ist teilweise etwas nervend - aber das paßt durchaus zur Romanvorlage) und die Geräuscheffekte sind auch gut. Ein wahrer Ohrenschmaus.
Wer eine Hörspielfassung möglichst nahe am Buch haben möchte, ist hier bestens aufgehoben. Das Hörspiel ist brilliant - eben leider mit Ausnahme der Musik (was aber zu überleben ist).
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