Drachensaat ist das neue Buch von Jan Weiler, der bekannt wurde durch die Bücher "Maria, ihm schmeckt's nicht" und "Antonio im Wunderland".
Mit seinem neuen Buch geht er in eine etwas andere Richtung. Wer ähnliches erwartet wie die beiden ersten Bücher, wird nicht auf seine Kosten kommen. Wer aber Jan Weilers Stil schätzt und wer bereit ist, sich auf etwas ganz anderes einzulassen, dem könnte Drachensaat gefallen. Bei mir war es so.
Bernhard Schade erzählt im ersten Teil des Buches über sein Leben. Als Architekturstudent hat er seine Frau kennengelernt und wurde früh Vater eines behinderten Sohnes, Udo. Der Junge leidet an Trisomie 21, womit Schade nicht zurecht kommt. Er betrügt jahrelang seine Frau und kümmert sich notgedrungen um seinen Sohn, bis seine Welt gänzlich zerbricht und er als Säufer endet und von Hartz IV leben muss.
Auf tragische Weise will er seinem Leben ein Ende setzen, das funktioniert nicht wie geplant und somit landet Schade in der Psychiatrie. Aus dem Landeskrankenhaus führt ihn sein Weg in eine Villa, in der ein Arzt Forschungen betreiben will zum sog. Zens-Syndrom.
Für diese Studien hat er fünf psychisch kranke Personen ausgewählt, die nach und nach zu ihm stoßen.
Alle sind gescheiterte Existenzen, die Schuld soll aber lt. Zens nicht bei ihnen liegen sondern in der Gesellschaft zu finden sein. Durch Respektlosigkeit und Unhöflichkeit wurden die Leute dahin getrieben, wo sie sich jetzt befinden.
Neben Schade findet sich im Haus "Unruh" Rita Bauernfeind ein, die im Internet bekannt ist als "fette Frau, die Luft isst", sie hat in den vergangenen Monaten über 200 Kilo Körpergewicht verloren. Durch Radio- und Fernsehempfang in ihrem Kopf wurde ihr Verhalten etwas seltsam, so hat sie ihren Job verloren und endet ebenfalls in der Psychiatrie.
Der dritte im Bunde ist Ünal Yilmaz. Er ist ein klagefreudiger Endreißiger, schwuler Türke, weiß sich sprachlich gewandt auszudrücken und verklagt wegen jeder Kleinigkeit seine Mitmenschen, die Ämter, öffentliche Personen.
Fast von den Mitmenschen, die immerzu unhöflich und frech zu ihm waren, in den Wahnsinn getrieben, missbraucht er seine Stellung als Busfahrer und fährt irgendwann, als ihm der Kragen platzt, mit einem Bus samt Fahrgästen so lange ohne Stopp bis der Tank leer ist. Auch er wird nach dieser Aktion in ein Landeskrankenhaus eingewiesen.
Nach einiger Zeit kommen nun noch Arnold und Benno in die Villa Unruh. Arnold hat vor allem und jedem Angst und konnte eines Tages seinen Beruf als Postbote nicht mehr ausüben. In seinem Haus wurden Huntertausende von Briefen gefunden, die nicht zugestellt werden konnten, weil Arnold Angst hatte und sie bei sich zu Hause deponiert hat, bis die Statik des Hauses nachgab und es einzustürzen drohte.
Benno hat neun Jahre mit seiner toten Mutter im Haus gelebt. Er ist aufgeflogen, als der Pfarrer der Mutter zum 90. Geburtstag gratulieren wollte.
Diese Gruppe hat sich also bei Dr. Zens eingefunden und hofft, von ihm geheilt werden zu können. Es finden Gesprächte statt, es müssen Aufgaben gelöst werden.
Dr. Zens gibt der Gesellschaft die Schuld an der Krankheit seiner Schützlinge. Eine Gesellschaft, die verroht und die Schwachen verstößt, ihnen keine Möglichkeit gibt, am Leben teilzuhaben. Das soll sich ändern. Aus den Teilnehmern der Studie sollen Mitglieder der Gesellschaft gemacht werden. Wobei eigentlich die Gesellschaft geändert werden soll. Die Gruppe hat die Fiktion eine bessere Welt, eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. Es soll mehr Höflichkeit und Respekt im Umgang miteinander geben, jedes Individuum soll seinen Platz in der Gesellschaft finden. Mit dieser Vorstellung steigert sich die Gruppe, die sich bald aus gegebenem Anlass "Drachensaat" nennt, in eine Idee, die bald nicht nur mehr nur theoretisch existiert sondern auch in die Praxis umgesetzt werden soll, was nicht ohne immense Folgen bleibt.
Jan Weiler greift mit seinem Buch ein kritisches Thema auf. Ob der Leser es als Gesellschaftskritik oder humoristisches Hingespinst aufgreift, bleibt jedem selbst überlassen. Mir hat Drachsensaat außerordentlich gut gefallen. Obwohl ich bisher alle Bücher von Jan Weiler sehr genossen habe und auf ein neues lange gewartet hatte, bin ich recht unvoreingenommen an die Geschichte gegangen. Der Stil Weilers ist der gleiche gelieben. Es geht trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas durchaus humorvoll zu, ohne albern zu werden. An manchen Stellen musste ich laut lachen. Aber auch zum Nachdenken regt das Buch ununterbrochen an.
Weiler übt Kritik an der Politik, der Witschaft, an den Medien und am Volk. Durch Brot und Spiele kurz vor der totalen Verdummung, interessiert sich niemand mehr wirklich dafür, was aus dem Einzelnen wird, man plappert Parolen nach ohne selbst nachzudenken, und wieviel einfacher ist es doch, sich durchs Leben zu schmarotzen und auf diejenigen zu schimpfen, die mehr erreicht haben, weil sie mehr Leistung bringen, und man selbst auf der Strecke bleibt - im festen Glauben daran, die anderen seien schuld nur nicht man selbst, anstatt sein Leben in die Hand zu nehmen und wirklich etwas zu ändern.
Ich habe das Lesen sehr genossen. Nicht nur die verschiedenen Lebensgeschichten, die Weiler sich hat einfallen lassen, haben mich beeindruckt, auch die unterschiedlichen Ansichten- jeweils so rübergebracht, dass man beide Seiten verstehen kann: die "Ausgestoßenen" ebenso wie die verhasste Gesellschaft.
Drachensaat befriedigt auf jeden Fall denjenigen Leser, der Jan Weiler im Allgemeinen mag. Wer eine weitere Antonio-Story erwartet, wird aber bitter enttäuscht sein.
Ich verstehe Drachenstaat durchaus als einen Spiegel der Gesellschaft... und empfehle es in jedem Fall weiter.