Es gibt in diesem Film eine Szene, in der der erwachsene Amir, die Hauptfigur dieses Films, einen Brief seines Jugendfreundes liest. Zu diesem Zeitpunkt weiß man als Zuseher bereits sehr viel: über die Freundschaft der beiden Jungs, über ihre Vergangenheit in einem Afghanistan vor Einmarsch der Roten Armee und über schicksalhafte Ereignisse, die beide unwiderruflich verändert haben. Dieser Brief erschüttert. Und er überstahlt alles. Die Vergangenheit. Und den Weg in die Zukunft. Mehr über die Handlung zu verraten wäre ein Verbrechen.
Ich kenne den Roman nicht und weiß auch nicht, ob ich ihn noch lesen sollte oder möchte. Es fällt auch schwer zu glauben, dass der Film dem Roman nicht gerecht wird. Denn er fängt die Atmosphäre einer Vergangenheit und eines Landes ein, die nicht allzu lange zurückliegt, deren Unmenschlichkeit und Lebensverachtung aber bis in die aktuelle Politik reicht. In den schlimmsten Momenten deutet der Film nur an und zeigt nicht das letzte Detail. Ich denke, das wird dem Thema gerecht. Denn nichts kann so schlimm sein, wie die Bilder im Kopf.
Eine besondere Stärke des Films liegt in der Figurenzeichnung. Besonders Amirs Vater. Ein erfolgreicher und wohlhabender Bauunternehmer im Vorkriegs-Afghanistan. Ein Tankstellenpächter als Emigrant. Voller Hass auf die, die dafür verantwortlich sind, aber ein stolzer Paschtune, der auch im amerikanischen Exil die Traditionen seines Stammes einhält, und diese auch von seinem Sohn verlangt.
Mehr als alles andere ist es aber ein Film über Verantwortung und Loyalität und darüber, dass beides niemals aufhört. Egal, wieviel Zeit vergeht.
Noch ein Wort zum Titel: der Drachenläufer ist Hassan, Amirs Freund, der die abstürzenden Drachen erläuft, deren Leine Amir im Wettkampf durchtrennt. Der große Wettkampf, der im Film stattfindet, ist ein beeindruckendes Beispiel, wie schön Kino sein kann, wenn man sich denn darauf einlässt. Diese Sequenz ist eine Bild- und Musikkomposition, wie ich sie selten gesehen habe. Und das Bild des Drachenläufers ist natürlich nur eine Metapher für sehr viel mehr. Aber darüber soll sich jeder seine eigenen Gedanken machen.
Übrigens lohnt es sich, den Film (mindestens) 2-mal zu sehen. Einmal in der deutschen Synchronisation, und einmal in der Originalfassung mit Untertiteln. Mutig, einen Film in Dari, Pashtu und Urdu zu drehen. Aber die Magie fängt einen nochmal weit mehr ein.