Wer "Doctor Schiwago" neu verfilmt, rüttelt an einem Denkmal der Filmgeschichte und muss sich den Vergleich mit dem "Original" von David Lean aus dem Jahre 1965, mit Omar Sharif, Julie Christie und Geraldine Chaplin in den Hauptrollen und der berühmten Filmmusik von Maurice Jarre gefallen lassen. So ein Wagemutiger ist, so könnte man glauben, zum vornherein zum Scheitern verurteilt. So vermag es auch nicht zu verwundern, dass fast 40 Jahre niemand dieses Experiment wagte.
Die vorliegende Neuverfilmung von 2002 erfolgte als zweiteilige Kleinserie im Auftrag eines englischen Fernsehsenders (111 und 114 Minuten, zusammen also 225 Minuten und damit knapp eine halbe Stunde länger als die 1965er-Verfilmung). Der Regisseur Giacomo Campiotti und der Darsteller des Juri Zhivago Hans Matheson sind wenig bekannt. Keira Knightley, welche Zhivagos ewige Geliebte Lara spielt, sowie Alexandra Maria Lara (Hitlers junge Privatsekretärin Traudel Junge in "Der Untergang"), hier Zhivagos unglückliche Ehefrau Tonya, wurden erst später bekannt. Soweit ich weiss, wurde der Film nie in deutschsprachigen Kinos oder Fernsehsendern gezeigt, weshalb es auch keine deutsche Fassung (weder Untertitel noch Synchronisation) gibt. Wer über ein einigermassen solides Schulenglisch verfügt, kann dem Film aber ohne grosse Probleme folgen.
Das Schauspiel der Darsteller von 1965 mag etwas professioneller wirken, doch habe ich das Spiel im vorliegenden Film als wesentlich authentischer erlebt. Dies gilt ganz besonders im zweiten Teil für Hans Matheson, der die Gewissenskonflikte und die Verzweiflung des Juri Zhivago über das Leid, dem er begegnet, sowie seine letztlich zum Tod führende Krankheit mit dem damit verbundenen körperlichen Verfall in seltener Eindrücklichkeit zeigt. Jedoch auch Keira Knightley mit ihrer exakten Sprechweise und Körperarbeit erbringt eine - angesichts ihres damals jugendlichen Alters von erst 17 Jahren besonders bemerkenswerte - ausserordentlich reife schauspielerische Leistung, welche aus meiner Sicht diejenige in "Pride and Prejudice" streckenweise noch überbietet. Die britische Filmzensur hat das Mindestalter für den ersten Teil auf 12 Jahre, für den zweiten Teil auf 15 Jahre festgesetzt. Zu recht. Im zweiten Teil finden sich einige recht brutale Bürgerkriegsszenen, welche zur Glaubwürdigkeit des Filmes beitragen, Gewalt aber keineswegs verherrlichen (im Gegenteil). Einzelne Revolutions- und Bürgerkriegszenen werden durch kurze Einspielung von historischen Filmausschnitten ergänzt und unterstrichen. Der Wandel des Pasha Antipov (gespielt von Chris Marshall), Laras Ehemann, zum brutalen, unmenschlichen, sämtliche individuellen Gefühle wie Liebe verneinenden Rotarmistenkommandanten Strelnikov und zuletzt zum im Leben gescheiterten Menschen, seine Gespräche mit Zhivago auf der Höhe seiner Macht und am Tiefpunkt und Ende seines Lebens, beeindrucken ebenfalls.
Alles in allem haben wir hier den selten geglückten Fall einer sich vom grossen filmischen Vorbild lösenden, eigenständigen und dem Vorbild mindestens ebenbürtigen, über weite Strecken überlegenen Neuverfilmung eines grossartigen Romans. Der Film hätte eine weit grössere Beachtung auch im deutschsprachigen Raum verdient.