"...wir waren Wissenschaftler, keine Moralisten. Unsere Pflicht war es, zu beobachten und aufzuzeichnen, ohne ein Urteil zu fällen." ... so John Milk, der erste Mitarbeiter in Dr. Kinseys - alias Prok - Projekt zur Erforschung der menschlichen Sexualität. Während die Geschichte John Milks, die seiner Ehe mit Iris und sein Leben als Familienvater T.C. Boyles Phantasien gehorchen, basiert die Biographie von Dr. Alfred Kinsey und seiner Frau Clara - alias Mac - auf Fakten, die sich allerdings Boyles humorvoller aber realistischer Feder fügen.
Boyle erzählt vom steinigen Weg zur sexuellen Revolution in den 30ern und 40ern, von der allgemeinen Wehrpflicht und jenen, die davon ausgenommen wurden, von der Liebe zu Frauen und Männern und von der Hörigkeit des ersten Angestellten John Milk. Es stellt die Frage nach Prüderie und ihrer Definition, nach Möglichkeit von Eifersucht in der sexuell befreiten, modernen Gesellschaft und wie viel Raum für Liebe bleibt, wenn Sex zur reinen Wissenschaft avanciert.
Die Mitarbeiter von Proks Institut sind allesamt Statisten, die sich reichlich an unterschiedlichsten Klischees bedienen. John Milk wirkt als Erzähler etwas blass, was nicht nur an den egozentrischen und auftragenden Auftritten Proks liegt. Er ordnet sich sehr rasch unter - zuerst seinem Chef und dessen Ehefrau, anschließend seinen Kollegen und deren Ehefrauen. Den lebendigsten Charakter, die größte Stärke und die "eigenste" Meinung besitzt Iris - Johns (zukünftige) Ehefrau, die den berühmten Dr. Kinsey als einzige in die Schranken weist.
Die Geschichte der Liebe Johns und Iris, ihre Heirat und die Geburt ihres Sohnes inklusive aller Höhen und Tiefen gestalten den Roman wahnsinnig authentisch, hoffnungsvoll und liebenswürdig. Die Unzahl der intimen, anonymen Interviews, um die Vielfalt der menschlichen Bedürfnisse zu katalogisieren, in Statistiken zu verwandeln und in Form von Grafiken dem gierigen Publikum zu unterbreiten, sind sehr erheiternd - Pastoren und ihre Frauen, Prostituierte, Perverse, Prüde, Mütter, Homosexuelle ... Gelangt man allerdings in die persönliche Ecke der Protagonisten und auf die Ebene ihre Empfindungen ist Boyle beinahe tyrannisch in seiner gnadenlosen Realität. Das bewegt!