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Produktinformation
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Unter dem unglücklichen, BRAVO-haft verklemmten deutschen Titel, entwirft Boyle einen grandiosen Sittenspiegel sexueller Verklemmungen und Neurosen. Proks These, den körperlichen Aspekt von Sex vollkommen von seinem emotionalen oder spirituellen Kontext zu trennen, führt den Jungforscher Milk dabei zusehends ins Dilemma: Während Kommilitonin Iris erste zarte Liebesgefühle in ihm weckt, muss er im Dienste der Forschung nachts in Schränke kriechen, um den Stellungskrieg einer Prostituierten mit ihrer Kundschaft zu dokumentieren, darf beim Statistikfestival Onanieren der Tausend selbst mitrubbeln, und soll am Ende sogar seine Iris zum Partnertausch aus der Hand geben.
Boyle-Leser wissen, dass alles Messianische und Eifernde bei TCB besonders misstrauisch beäugt wird. Langsam entdeckt Milk, dass der Mann, der der Sexualität den Weg aus dem Unaussprechlichen verhalf, am Ende selbst als besessener und emotionsloser Messtechniker und Sextechnokrat dasteht. Allzu begierige Leser seinen gebremst! Was bei einem solchen Thema nahe läge, die exzessive Schilderung sexueller Handlungen, wird von Boyle klug und eher behutsam eingesetzt. Wichtiger ist die eigentliche Botschaft des Romans, Milks Erfahrung, dass jenseits aller Messdaten über konvulsivische Zuckungen, Erektionsdauer und Gleitsekrete, ein viel größeres Reich zu entdecken ist: Das der Emotionen, der Irrationalität und Zärtlichkeit das der Liebe. Diese Entdeckung blieb dem harmlosen Assistenten John Milk vorbehalten. T. C. Boyle gelang ein atemberaubendes Stück Zeit- und eine noch zartere Liebesgeschichte. Ravi Unger
T. C. Boyle im Interview
"Was für den einen pervers, ist die Sahne im Leben des anderen."
Lesen Sie unser exklusives Interview mit T.C. Boyle über seinen Roman Dr. Sex, der auch fünfzig Jahre nach dem Kinsey-Skandal wieder für Aufruhr unter den Moralaposteln sorgte.
Vor dem Hintergrund der Forschungsarbeit Professor Kinseys, der auf der Basis von Interviews mit Frauen und Männern unterschiedlichster Provenienz wissenschaftlich fundierte Untersuchungen über die sexuellen Gepflogenheiten des menschlichen Säugetiers veröffentlichte und damit nicht nur in Amerika eine Welle der Entrüstung auslöste, erzählt T.C. Boyle die Erlebnisse eines jungen fiktiven Mitarbeiters des Sexforschers. Dieser erlebt die Zeit mit Prok, wie Professor Kinsey genannt wird, als aufregende Periode seines Lebens. Die Mitarbeit an dem revolutionären Projekt, die ersten sexuellen Erfahrungen, seine Ehe mit Iris, bis hin zu seiner Loslösung -- der Sprecher lässt den eigentlichen Protagonisten lebendig werden. Er gibt die Perspektive des langsam sich befreienden John, der sich niemals gegen Prok aufzulehnen traut, überzeugend wieder. Wenn er den fanatischen, teilweise auch skrupellosen Kinsey spricht, hört man gleichzeitig den Einfluss, den er auf seinen vertrauten Mitarbeiter hat.
Jan Josef Liefers, als Bühnen- wie auch als Filmschauspieler (Das Wunder von Lengede von 2003) geschätzt, arbeitet in seiner Lesung die Macht und Respektlosigkeit des objektiven und sachlichen Wissenschaftlers gegenüber anderen heraus. Seine Tonlage vermittelt von Anfang an die verdeckte Opposition gegen die Allmacht der reinen Physiologie und lässt das Einverständnis John Milks mit Gefühlen ahnen. Den Zweifeln des Icherzählers mit seinen direkten Ansprachen an den Hörer schenkt er eine authentische Stimme. Weshalb dieser so lange in den Bann Kinseys gezogen war, bei Liefers klingt es völlig nachvollziehbar.
Fazit: Liefers interpretiert die Geschichte eines genialen und fanatischen Reformers und eines jungen Mannes, der sich von dessen Einfluss befreien kann, der sich -- ganz romantisch -- für die Liebe entscheidet. Eine großartige Lesung, die Lust auf die Brigitte-Lesetour mit ihm macht.
Autorisierte Lesung, Spieldauer: ca. 325 Minuten, 4 CDs. Mit Infos. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Nein, der neuste Roman von T.C. Boyle ist mit Sicherheit nicht sein bester. Immer wenn er sich historische Personen vorknöpft (Kellogg, McCormick...) überzeichnet er sie bis zur Unkenntlichkeit (und macht sie lächerlich).
Aber das ist nicht unbedingt die Schwäche des Buchs. Manche Episoden sind ja durchaus interessant. Wenn jedoch erwähnt wird, dass Prof. Kinsey sich durch jahrelanges „Training" eine Zahnbürste in die Harnröhre stecken konnte, hofft man aber, dass Boyle sich das nicht ausgedacht hat... Solche Information werfen automatisch ein ziemlich pathologisches Licht auf den Wissenschaftler. Man vermutet an einigen Stellen, dass Kinsey unter dem Denkmäntelchen der Forschung seinen eigenen Voyeurismus befriedigt.
Die Schwäche des Romans ist aber, dass er einfach nur dahinplätschert, ohne Highlights, ohne größere Spannungsbögen; - in einer Sprache, die kaum das Niveau eines Abiturienten übertrifft. Ist das Absicht? (Dabei weiß jeder, dass er es besser kann!)
T.C. Boyles genialen Bücher („Grün ist die Hoffnung", „Amerika", „Worlds End") leben von den oft urkomischen Metaphern & Gleichnissen und vom kritischen Spiegel, den er einer satten Gesellschaft hinhält. Des weiteren sollen gute Geschichten doch wenigstens einem liebenswerten Protagonisten haben.
„Dr. Sex" ist arm an diesen Momenten. Nur wenige Zeilen erinnern an die Stärken des Autors. Beispielsweise als Kinsey bei einer Massenmasturbationsveranstaltung einem häßlichen, behaarten Kerl, der sich grunzend auf einer Matte abmühte, lapidar auffordert: „Wenn Sie dann bitte fertig werden würden...".
Die Figuren sind durch die Bank unsympathisch: ein sexbesessener Workaholic, sein langweiliger, höriger Assistent (und gleichzeitig Ich-Erzähler) und dessen seltsame Frau... Nicht unbedingt die Ingredienzien, um an „Drop City" oder „Grün ist die Hoffnung" anzuknüpfen!
Sicher, der Roman ist gut zu lesen und (streckenweise) durchaus unterhaltend, aber um sich über Kinsey zu informieren, sollte man wohl besser zu einer Biographie greifen und bestimmt haben andere Autoren die verklemmten, patriarchalischen 40er und 50er Jahre bereits besser porträtiert.
T.C. Boyle-Fans (und zu den Fans zähle auch ich mich!) werden auf dies Buch aber wohl kaum verzichten wollen und es ihm verzeihen. (Aber bitte nächstes Mal wieder eine rein fiktive Geschichte!)
Abschließend ein Tipp für alle, die Boyle mögen: HAPPY FISH von Scott Snyder! Wundervolle Geschichten...
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