Das Werk wird in seiner Originalgestalt all diejenigen enttäuschen, die den Stoff von Film oder Musical her kennen. Stevenson geht es nämlich nicht darum, die Untaten von Mr. Hyde in grellstem Licht zu schildern. Als exzellenter Geschichtenerzähler wusste er vielmehr, dass sich die Pointe des Werks schnell herumsprechen und diesem stets irgendwie vorauseilen würde, so dass jeder Leser von Anfang an weiß, worauf das Verhalten Jekylls und Hydes hinauslaufen wird. Dieser Effekt ist aber ganz offensichtlich in die Darstellung einkalkuliert:
Denn das Herumirren und Herantasten der eigentlichen Hauptperson des Werks, des Mr. Utterson, tritt an die Stelle eines Horrorplots: Ganz offensichtlich ist Stevenson der Eindruck der Ereignisse auf diesen Charakter wichtiger als die Taten Hydes. Utterson ist ein sympathischer, aber auch etwas beschränkter Vertreter der vikorianischen Gesellschaft. Wenn man sieht, dass Utterson regelmäßig Spaziergänge mit seinem Neffen abhält, obwohl beide sich offensichtlich nichts zu sagen haben, wenn ihn die Erbeinsetzung Hydes, den er nicht kennt, keine Ruhe lässt, obwohl sie ihn nichts angeht, versteht man, wovor Jekyll eigentlich wirklich flieht. In seinem eigenen, die Erzählung abschließenden Bericht wird daher auch das Motiv Jekylls überdeutlich: Jekylls Charakter zeichnet einfach etwas mehr sinnliche Lebensfreude als seine Freunde aus. Diese kann er aber nur im Verborgenen kultivieren.
Der Leser erlebt also mit Utterson vor allem das Erschrecken und die Irritation, die das offene Bekenntnis Jekylls zu seiner zweiten Seite erzeugt, nicht aber die Taten Hydes. Allein in diesem klugen Schachzug zeigt sich, warum Stevenson als Meister der psychologischen Darstellung gilt. Wenn er schließlich von den beiden Wesen des Menschen spricht, fallen dem modernen Leser wie von selbst die freudschen Paradigmata vom Unbewussten und vom Über-Ich ein; auch die Schilderung der Suchkrankheit Jekylls im Endstadium ist besonders gekonnt.
Lesen, aber keine Gruselgeschichte erwarten!