Der Ablauf jeder Episode folgt stets demselben Schema: ein Patient jedweder Bevölkerungsschicht bricht unter meist erschreckenden, äußerlichen Krankenmerkmalen zusammen. Das Team um Chefdiagnostiker Dr. House ermittelt - in der Regel unter Zeitdruck - per Differenzialdiagnose (d.h. die Summe aller Diagnosen, die als Erklärung eines Symptoms oder der Kombination mehrerer Symptome möglich sind) die passende Therapie, die sich nicht selten als falsch herausstellt. In letzter Minute findet Dr. House fast immer die rettende Lösung - in Season 2 enden jedoch verhältnismäßig viele Folgen, der Realität nahe, ohne Happy End oder gar letal.
Nicht wenige Skeptiker und (TV-)Ärztehasser haben vermutlich bei Erscheinen der ersten Staffel DR. HOUSE genervt die Augen verdreht. Denn wieviel Weißkittel und karbolgeschwängerte Atmosphäre verträgt die Fernsehlandschaft noch? Mit dem von David Shore erschaffenen Charakter gelang schließlich das allzu seltene Kunststück, Kritiker wie Publikum gleichermaßen von der einzigartigen, intellektuell herausfordernden Qualität dieser neuen TV-Show zu überzeugen. Der große Verdienst - neben den selbstverständlich ebenso wichtigen, in dem Fall hochklassigen Drehbuchautoren - gebührt allen voran dem Briten Hugh Laurie (PETER'S FRIENDS, SINN UND SINNLICHKEIT), der die Gratwanderung zwischen sarkastischem Ekelpaket und im Grunde genommen heimlichen, einsamen Philanthrophen bravourös meistert. Für alle Einsteiger seien die wesentlichen Merkmale des kauzigen Mediziners kurz wiederholt: brillanter Diagnostiker, der seine sehr fähigen Mitarbeiter ausnahmslos barsch behandelt und dessen permanent schlechte Laune von chronischen Schmerzen im rechten Bein (nach operativer Entfernung eines Muskels) herrührt. Nicht zuletzt diesen Umstand nimmt House gerne zum Vorwand für seinen ab und an auch grundlosen Tablettenkonsum.
Betrachtet man die just auf DVD veröffentlichte zweite Season, die von der ersten Folge an (mit Gaststar L.L. Cool J.) Suchtpotenzial entwickelt, so kann man die erste guten Gewissens als Warm-up bezeichnen. Trotz dem oben geschilderten, immer gleichen Handlungsverlauf stellen sich weder Wiederholungen noch Ermüdungserscheinungen ein. Zwar könnten sich die Macher den Vorwurf gefallen lassen, dass die obskuren Krankheitsbilder, die von den Top-Ärzten meist mühevoll zu diagnostizieren sind, ziemlich konstruiert sind. Doch 1. müssten in ähnlicher Form alle storytechnisch kompliziert hergeleiteten Forensiker-Serien vom Schlage C.S.I. kritisiert werden und 2. übersieht man derartige kleinlichen Mängel als medizinischer Laie bereitwillig. Und erliegt vielmehr der schaurig-schönen Faszination für all die absonderlichen Fehlfunktionen, zu denen der menschliche Chemiebaukasten, genannt Körper, fähig ist. Bemerkenswert ist vor allem die Fülle an pointierten, scharfzüngigen Dialogen, mit denen die Halbgötter in Weiß und ihr schwarzes Schaf mit der Kodderschnauze die anfangs ausweglos erscheinenden Krankheitsfälle lösen.
Es würde den Rahmen sprengen, auf einzelne Episoden einzugehen, da selten genug jede Folge von gleichbleibender Qualität und höchstem Unterhaltungswert ist. Im Gegensatz zur Season 1 kommen - wahrscheinlich als Zugeständnis an die C.S.I.-verwöhnte Zuschauerschaft - mehr perfekt animierte Einsichten in die innersten Körperregionen zum Einsatz, unbedingt notwendig sind sie indes nicht. Außerdem sind erste Anzeichen von Experimentierfreude wahrzunehmen, die beispielsweise in Episode 8 "Fehlverhalten" zum Aufbrechen der definierten Erzählstruktur führt. In diesem Highlight der 2. Staffel wird in Form einer Befragung, die zur Untersuchung der Falschbehandlung mit tödlichem Ausgang für eine Patientin Dr. Chases durchgeführt wird, die Story in Rückblenden und aus verschiedenen Blickwinkeln höchst spannend erzählt. Ähnliches gilt aber ebenso für alle übrigen Geschichten - von Dr. House' Motorradkauf, dem unerwarteten Besuch seiner Eltern, den Wiederbelebungsversuchen seiner Beziehung zur Krankenhausjuristin Stacy Warner oder den dramatischen Unfall Dr. Camerons, die von einem HIV-Patienten blutig angehustet wird.
All denjenigen, die ihre Sinne von den Effektgewittern der großen Leinwand erholen wollen, sei diese unkonventionelle, politisch natürlich völlig unkorrekte US-Serie mit britischem (Humor-)Einschlag ans Herz gelegt. Besser geschriebene und gespielte Serienkost in Kinoqualität bekommt man derzeit kaum zu Gesicht.