Der Bandname THE RETALIATION PROCESS dürfte in Deutschland bisher nur wenigen Leuten ein Begriff sein, obwohl das Quintett im Hamburger Metal-Underground schon seit langer Zeit eine feste Größe ist. Bis vor einigen Monaten formierte diese Band noch unter dem Namen NAYLED und brachte mit den beiden großartigen (!) Scheiben "Phantom" und "Antibody" schon bereits zwei Mini-CD's auf den Markt. Mit ihrer eigenständigen Melange aus Emo, energischem Modern-Metal und Metalcore konnten die fünf Nordlichter dabei vor allem auch als Live-Band punkten. Leider stand das Line-Up schon von Beginn an auf sehr wackeligen Beinen, so dass sich bei NAYLED gleich reihenweise die Musiker "die Klinke in die Hand gaben" und die Band daher eigentlich nie - zumindest über einen längeren Zeitraum - in einer festen Stammbesetzung zusammenspielen konnte. So wurde im Laufe der Jahre u.a. gleich drei mal der Sänger gewechselt, ehe man mit Christoph Madarasz (IRATE ARCHITECT) erstmals einen Shouter mit langjähriger Erfahrung ins Bandgefüge integrieren konnte.
Nachdem das Line-Up nun also mehrfach umgekrempelt wurde, wechselte man gleichzeitig auch den Bandnamen, um fortan als THE RETALIATION PROCESS für Furore zu sorgen. Gleichzeitig warf man aber auch einige Merkmale des typischen NAYLED-Sounds einfach über Bord, und gönnte sich eine stilistische Frischzellenkur, die aber - aus meiner persönlichen Sicht - nicht unbedingt als Weiterentwicklung gewertet werden kann. In Interviews betonen die Bandmitglieder immer wieder, dass sie mit THE RETALIATION PROCESS einen kompletten Neuanfang gestartet haben...und diese Aussage kann man sicherlich auch so unterschreiben.
Das Hamburger Quintett hat mit "Downfall" nun also sein offizielles Debüt vorgelegt, welches vor allem für Freunde des gnadenlosen, riffbetonten Knüppel-Sounds für offene Ohren sorgen sollte. THE RETALIATION PROCESS zocken auf diesem heftigen 10-Tracker eine furiose Mischung aus Melodic-Death und modernem High-Energy-Thrash, die sich teilweise sehr nah an den musikalischen Vorbildern anlehnt. Als Referenzen sind hierbei sicherlich Bands wie MACHINE HEAD , CATARACT , THE HAUNTED und IN FLAMES zu nennen, deren Einfluss teilweise unverkennbar ist. So gefallen Songs wie "Blindfolded" , "Bridge end" , "Four seasons of self mutilation" oder das Smash-Monster "Written in red ink" vor allem durch ihre unbarmherzigen Gitarren-Riffs, die ein enormes Groove-Potential mitbringen. THE RETALIATION PROCESS nehmen dabei wenig Rücksicht auf Verluste, und lassen den Hörer dabei teilweise echt geplättet zurück. Eike Freese (DARK AGE) hat dem Quintett eine saustarke Produktion auf dem Leib geschneidert, die über die 45minütige Spielzeit so richtig schön nach vorne pumpt, und soundtechnisch daher keine Wünsche offen lässt. In Punkto Songwriting müssen allerdings einige Abstriche gemacht werden, da den Musikern immer wieder vor der Ziellinie die guten Ideen ausgehen. So gefallen sich Nummern wie "Down" , "Uprising" und der garstige Rausschmeisser "Uncertain" vornehmlich nur durch lässige Riff-Schiebereien, ohne dabei gesteigerten Wert auf Melodien oder aber eingängige Refrains zu legen. Der neue Sänger macht mit seinem kraftvollen Keif/Growl/Hardcore-Gesang zwar eine recht gute Figur, kassiert aber dafür bei den melodischen Clean-Passagen leider reichlich Minuspunkte. Und dies ist der größte Kritikpunkt, den sich THE RETALIATION PROCESS auf "Downfall" gefallen lassen müssen: Ihre Songs haben wirklich Schmackes, und sind technisch brilliant gespielt...die musikalische Originalität bleibt aber dabei größtenteils auf der Strecke. Es fehlt schlicht und einfach der entscheidende Aha-Effekt, der diese Scheibe aus dem 08/15-Einheitsbrei herausheben könnte. Schade, schade...
Mit dem depressiven, vor Verzweiflung schreienden "On the way back" hat das Quintett dann jedoch noch einen tollen Überraschungs-Hit parat, den Bands wie CROWBAR oder DISBELIEF wohl auch nicht besser hinbekommen hätten. Stark !!!
Fazit: Alles in allem kann "Downfall" sicherlich als solides Erstlingswerk gewertet werden, auf welchem THE RETALIATION PROCESS das vorhandene Potential allerdings nicht vollständig abrufen können. Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Downfall" teilweise so richtig Spaß macht. Und wenn man mit einer geringen Erwartungshaltung diese Scheibe rangeht, kann so mancher Knüppel-Maniac sicherlich ein kleines Juwel für sich entdecken. NAYLED waren besser, für 4 Sterne reichts dennoch !!!