Wieder mal haben die Chieftains alles, was Rang und Namen hat in der Szene, ins Studio geladen, und ihnen gelingt haargenau das, was Van Morrison mit "Pay the Devil" ziemlich danebengegangen ist. Die "Nashville Sessions" -- 14 Tracks, einer mitreißender als der andere, legen nicht nur die irischen Wurzeln des Bluegrass frei. Vor allem zeigt dieses Album, was passiert, wenn Vollblut-Musiker aus verschiedenen Traditionen in bester Spiellaune zusammentreffen. Die Chieftains sind ohnehin bekannt -- absolute Könner, perfekt aufeinander eingespielt und viel zu musikalisch, als dass sich Routine einstellen könnte. Dasselbe gilt auch für die illustre Gästeschar; um nur einige zu nennen: Béla Fleck, Matt Rollings, John Hiatt, Earl Scruggs, Alison Krauss, Jeff White, Buddy & Julie Miller, Ricky Skaggs...
Die Musik der Chieftains passt wunderbar auf die verschiedenen Bluegrass- und Folk-Klassiker; nicht nur bei Vince Gills "Dark as a Dungeon" könnte man glauben, der Song sei irgendwo im irischen Westen entstanden und nicht in den USA. Auch wenn man viele der Songs schon kennt, ist man vor Überraschungen nicht gefeit, denn die Chieftains zeigen mühelos, dass das Potential von Folk und Bluegrass noch längst nicht ausgeschöpft ist: Sie stülpen dieser Musik nicht einfach die Kelten-Tradition über, wie das weniger versierte Musiker vielleicht getan hätten, sondern sie interpretieren sie neu und klingen oft genug wie waschechte Hillbillies (ich sag nur: "Cindy" und "Don't Let Your Deal Go Down"...) mit starken irischen Wurzeln. Aber auch der illustren Gästeschar muss das Zusammenspiel einen Heidenspaß gemacht haben, anders ist die Vielseitigkeit dieses Albums nicht zu erklären. Die ganze Bandbreite wird geboten, von waschechtem Bluegrass über z.B. Martina McBrides schmelzende Country-Ballade "I'll Be All Smiles Tonight" bis hin zu in der Wolle gefärbten keltischen Balladen. Nicht nur Alison Krauss überrascht hier, deren "Molly Bán" sich anhört, als sei die Sängerin irgendwo in Connemara aufgewachsen -- wie Earl Scruggs' entfesseltes Banjospiel bei "Sally Goodin" aufdreht, oder wie Jeff White mit den Chieftains hier das uramerikanische "Tennessee Stud" interpretiert, das muss man gehört haben. Und so könnte man weiterschwärmen bis zum Geht-nicht-mehr.
Das Album hat keine einzige Schwachstelle -- gut, das war angesichts der Beteiligten auch nicht zu erwarten. Aber dass sie SO aufspielen, haut einen dann doch vom Sessel. Allerdings, auch wenn's schwerfällt: Man sollte sich mit dem Abheben zurückhalten bis zum letzten Track, denn was hier geboten wird, ist einfach jenseitig: Eine über 10 Minuten lange Session, während der sich alle Beteiligten gegenseitig immer zu neuen Höhenflügen anfeuern und die Motive von "Give the Fiddler a Dram" variieren, dass alles zu spät ist. Allein die Banjo-Improvisationen von Béla Fleck und das Honky-Tonk-Piano von Matt Rollings lassen einen hoffen, dass dieses Stück nie aufhören möge. Den "dram" jedenfalls hat sich nicht nur der Fiddler redlich verdient...