Ende 2008 hätte man sich eigentlich gut vorstellen können, dass von der Polizei ausgegebene Suchmeldungen mit Belohnung mit folgendem Text verteilt werden:
VERMISST
DREI MUSIKER AUS MANCHESTER
ZULETZT GESEHEN IM DEZEMBER 2005
Um es mit einem geflügelten Wort zu umschreiben: Die Doves waren aus ihrem Nest ausgeflogen. Und jeder, der sich in den folgenden mehr als drei Jahren der beeindruckenden Leistung des grüblerischen Albums Some Cities vom Februar 2005 hingab, fühlte ein stilles Verlangen nach mehr. Gemeinsam mit den beiden vorangegangenen Alben Lost Souls und The Last Broadcast hatten die Doves ein beträchtliches und schlüssig aufeinander aufbauendes Werk geschaffen.
Jimi Goodwin und die Zwillingsbrüder Jez und Andy Williams kennen sich schon seit ihrem 15. Lebensjahr. Vor etwa 20 Jahren begannen sie, ernsthaft Musik zu machen, aber Jimi konstatiert, dass sie “schon viel früher die Schule geschwänzt und gejammt haben.” Unter dem Namen Sub Sub und von der Clubmusik des legendären Hacienda beeinflußt, die sich im Manchester der späten 80er nahezu explosionsartig ausbreitete, gelangen der Band ein paar Underground-Dance-Hits, durch die sie jedoch vorschnell auf einen musikalischen Stil festgelegt wurden. Der #1 Hit „Ain't No Love (Ain't No Use)" wurde auf dem Label von Rob Gretton, dem Manager von New Order, veröffentlicht. „Einige Jahre lang haben wir uns irgendwie verrannt“, gibt Jez zu. Also änderten sie ihren Namen in Doves und veröffentlichten im Jahre 2000 Lost Souls, das Ergebnis ihrer vielen bitteren Erfahrungen, und brachten den Zug wieder ins Rollen. Keiner hätte jedoch ahnen können, wieviel Aufmerksamkeit ihnen dieses Album bescheren würde. Das Folgealbum The Last Broadcast, eine erstaunlich selbstsichere zweite Veröffentlichung, erfüllte alle Erwartungen. Es stand zwei Wochen an der Spitze der UK-Charts und wurde als Meisterwerk gefeiert. Wie Lost Souls wurde auch The Last Broadcast für den Mercury Prize nominiert.
Some Cities wurde knapp drei Jahre nach The Last Broadcast veröffentlicht. Es war ein kürzeres und viel machtvolleres Album als seine beiden Vorgänger. Die solide, vom Motown-Sound inspirierte Hitsingle „Black And White Town” eröffnete der Band neue kommerzielle Möglichkeiten. Doch die Doves waren nicht die Sorte Band, die nur um des Geldes willen ein Album voller Black and White Towns veröffentlichen würde.
Soweit der Stand der Dinge im Februar 2005. Seitdem hat es keinerlei Veröffentlichungen mehr gegeben und Fans, Musikjournalisten, DJs und Fachleute wunderten sich, was wohl geschehen sein mochte.
Und wenn sie nicht mit den Mitgliedern der Band verwandt sind, dann werden auch Sie erst durch diesen Text endlich aufgeklärt werden.
Es ist Januar 2009, ich werde in der Dunkelheit zu einer Farm im englischen Cheshire gefahren. Wir verlassen die Straße, um an unser entlegenes und unerwartetes Ziel zu gelangen: ein Bauernhof. Eine Scheunentür geht auf. Kann es sein – sind sie das, eingewickelt in dicke Schals, wie sie ganz konzentriert noch einen weiteren Mix anhören?
Jimi, Jez und Andy machen ein paar Stunden Pause. Sie erzählen bereitwillig, wo sie gesteckt haben (und was zum Teufel sie getrieben haben) und spielen dabei einige makellose neue Songs vor, die es durchaus mit „Caught By The River”, „Pounding” oder „Catch The Sun” aufnehmen können.
Es stellt sich heraus, dass sie seit gut zwei Jahren hier in diesem improvisierten Studio arbeiten und leben, um ihr neues, viertes Album ihrem kompromisslosen, hohen Standard anzupassen. Es wird schnell klar, dass sie schon wenige Monate nach dem dritten Album genug Material für ein weiteres zusammen hatten. Die drei befinden sich in einem andauernden kreativen Prozess und haben jetzt bereits gut 100 mehr oder weniger ausgefeilte Songs in der Schublade. Die Verzögerung – das Wort gilt eigentlich nur, um unsere Ungeduld zu verbalisieren, denn sie selbst haben sich einen ganz anderen Terminplan gesetzt – entstand vor allem wegen der hohen Standards für die innere Exzellenz der Songs und wegen der schonungslosen und erbarmungslos demokratischen Selbstkritik der Künstler, die etwaigen Veröffentlichungsplänen keinen Raum lässt. „Vielleicht sind wir zu demokratisch“, meint Jez. „Das grenzt schon an Irrsinn. Aber so war es schon immer, seit wir Kinder waren. Manche Bands haben eine Person, die das Sagen hat – vielleicht ist das der Grund, warum die so schnell zum Ziel kommen. Bei uns dauert eben alles zwei bis drei Jahre – Scheiße!“
Bei „Jetstream”, einer wie von der Muse Kraftwerk geküssten Electroperle, oder „Kingdom Of Rust”, einem mit breiten Pinselstrichen gemalten, im nordenglischen Lancashire spielenden Western mit einer Dramaturgie, die Sergio Leone sofort gutheißen würde, erkennt man sofort, welchen Sinn dieser hohe Standard ihres Herangehens macht.
Die Reise, die zu dem nun vorliegenden Ergebnis führte, begann im April 2006, nach einer viermonatigen Pause, die nach dem endlosen Jahr auf Tour, um die Veröffentlichung von Some Cities zu promoten, mehr als verdient gewesen war. Seitdem hat die Band diverse musikalische Wege eingeschlagen, stets die Abenteuerlust und die Ungewissheit des Ziels vor Augen. Herausgekommen ist ein unglaubliches Album, das sich lohnt, intensiv gehört zu werden und einem auch lange nach dem ersten Hören noch zu Gute kommen wird.
Und obwohl die Arbeiten langwierig und zäh waren, hatten die Doves auch viel Freude. Andy schwärmt von dem Spaß, den sie hatten, wenn sie sich spätabends in der Scheune einsperrten. „Ich erinnere mich an Momente, wo unsere Musik absolut auf den Punkt war, wenn nur wir drei zusammen spielten. Irgendwie sind die Dinge dann abgehoben, haben eine höhere Ebene erreicht. Und deswegen sind wir noch mit so viel Herzblut bei der Sache. Das unausgesprochene Verständnis zwischen uns wächst kontinuierlich. Wir machen jetzt schon seit gut 30 Jahren zusammen Musik.“
Jez lässt die manchmal schwierigen Situationen Revue passieren und stellt fest: „Das kommt davon, wenn man sich kontinuierlich weiter antreibt, um Wege zu finden, wie man etwas neu oder anders spielen kann. Man versucht, das Gelernte abzustreifen, die eigene Sicherheit zu unterminieren. Und doch ist es uns gelungen, dass das Ganze Spaß macht und frisch bleibt. Als wir 12 oder 13 waren, haben wir uns mit alten Kassettenrecordern live aufgenommen. Ich habe mir davon mal wieder ein paar Songs angehört und war beeindruckt. Also haben wir das wieder so gemacht und einige dieser Aufnahmen sind in die Remixes mit eingeflossen. Wir haben schlichte Demos und unbearbeitete First Takes, die irgendwie Charakter hatten, als Ausgangspunkt für manche Songs genommen, und uns dann weiter getrieben, um dem, was wir machen, neue Kanten zu geben.“
Die Doves haben von Anbeginn an einen ganz eigenen, urtypischen Sound kreiert. Und obwohl Kingdom of Rust abhebt und in neuen Tangenten davonfliegt, ist es doch unmissverständlich ein Werk dieser Band. Das merkt man nicht zuletzt an der charakteristischen Intensität des Spiels, der kaum eine andere Band nahekommt. „Compulsion” ist eine wunderbare Hommage an diese etwas schiefen, politisch eher links angesiedelten Disco-Rock-Experimente, wie sie in den 80ern im The Loft oder The Paradise Garage gelaufen sein mögen. „Jetstream” surrt und tickt mit realer elektronischer Intention. „Das ist ein echtes Juwel, finde ich“, schwärmt Jimi. „Ich liebe es, wie Jez singt. Ich fände es prima, wenn er die meisten Songs singen würde, denn seine Stimme ist viel zerbrechlicher als unsere, ganz wunderschön.” Das Titelstück wird jetzt bereits als ein Doves-Klassiker gehandelt. Andy findet die Beschreibung als Lancashire Spaghetti Western herrlich. „Outsiders” klingt wie das, was entstanden wäre, wenn Chuck Berry lange genug gelebt hätte, um mit Joy Division zu jammen.
Was die Texte betrifft, spiegeln sie die Lebenserfahrungen dieser Lost Souls wieder und lassen einen erahnen, wie die vergangenen vier Jahre wohl gewesen sein müssen. Auch hier finden sich tröstende, die Glückshormone ansprechende Gefühle und hart erkämpfter Optimismus. Die breit gefächerte Herangehensweise an die Musik hat Worte erzeugt, die manchmal wie rätselhafte Kommentare zu unserer Umwelt klingen, zugleich aber genug Raum haben, um der Phantasie freien Lauf zu gewähren. „Manchmal sind die Texte, die wir schreiben, wie Ventile für andere, sie beschreiben Dinge, die andere nur schwer in Worte fassen können“, sagt Jimi. „Das sieht man manchmal in den Gesichtern der Leute, wenn sie bei unseren Konzerten mitsingen. Es ist uns immer wichtig, genug Freiraum für den Zuhörer zu lassen, damit er sich selbst in dem Text finden kann.“
Kingdom of Rust gelingt es, sowohl zu konsolidieren als auch vorwärts zu drängen. Die schwerste Prüfung, die das Album hat absolvieren müssen, war, den hohen Standards der Band selbst zu genügen. Im Moment sehen die Doves den Wald vor lauter Bäumen nicht, ihnen fehlt die nötige Distanz, um den Wert des Albums einschätzen zu können. Doch abgesehen von der Erleichterung, jetzt endlich einen Schlussstrich gezogen zu haben, und der Vorfreude darauf, nun wieder live spielen zu können, kann man an dem Lächeln der Musiker und der feierlichen Stimmung erkennen, dass die Doves sich nun – fürs erste – ein paar ruhige Nächte und tiefen Schlaf verdient haben.
www.doves.net
www.myspace.com/dovesmyspace
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