Hochinteressantes Album voller musikhistorischer Verweise in Gegenden, wo ich mich nicht gerade besonders toll auskenne: Spätsiebziger-/Frühachtziger-Prä-NDW-Elektro-Wave ist reichlich vorhanden, und eine Internetbekanntschaft, die sich besser auskennt, murmelte virtuell auch schon was von "Der Plan" - was ich auch gesagt hätte, ohne zu wissen, wie "Der Plan" genau klingt...vielleicht ein wenig wie der Opener "Drei gerade Zahlen", der ordentlich klingklangt. Dazu dieser Text: "Beruhigung darf man trinken/Wenn man sich daran hält/Haben drei tote Vögel/Den Ombudsmann bestellt" - Da bleibt man gleich dran hängen, denkt "Hä?!", und ich frage mich, was ich da vor nunmehr über 20 Jahren verpaßt habe; denn dieses ganze Zeug, dessen degenierte, vollverdoofte Ausgeburt die Neue Deutsche Welle war, habe ich damals nicht gehört. Nicht verstanden. War mir irgendwie zu sperrig, zu kunstmäßig, zu experimentell. Musik, zu der man "komisch" sagt. Und von "Krautrock" hatte ich schonmal GAR keinen Schimmer; was eigentlich heutzutage noch so ist, abgesehen von den ersten 3 CAN-Platten, und wie die hören sich STABIL ELITE nicht an.
Auf hypnotischen Uptempo-Tracks wie dem Instrumental "Revue 12" oder dem mit einem pastelligen Vogelgezwitscher-Interlude versehenen "Papier" klingen sie eher wie NEU! oder LA DÜSSELDORF, womit auch gleich die Herkunft dieses teilweise ganz schön ANDREAS DORAU-esk gekleideten und frisierten Trios geklärt wäre. Das Dandyhafte war nie so meine Sache, meine Figur hat auch nie so recht dazu gepaßt, aber KRAFTWERK kamen auch aus D'dorf, und an Kraftwerk erinnert mich die Sound-Ästhetik auf "Douze Pouze" größtenteils. Auch die ersten HUMAN LEAGUE-Platten kommen mir in den Sinn - besonders bei "Expo", das an "Being Boiled" erinnert, ohne im Geringsten ein Rip-Off zu sein. Beklemmend und körperlos cool, außerdem das Stück mit dem auf Anhieb nachvollziehbarsten Text: "Ich hasse so vieles an Dir/Ich muß Dich lieben/Es wird niemals besser/Nicht morgen und nicht gestern" - solche desillusionierten Bestandsaufnahmen zu SOLCHER Musik, das ist nicht zu vergleichen mit dem Stochern in Gefühlszuständen, das die meisten handelsüblichen Rocksongs in dieser Hinsicht anzubieten haben.
"Douze Pouze" ist ein Album, das die Idee eines diametralen Gegenentwurfs zur schwitzenden, sich hart arbeitend anwanzenden und uns mit kumpeliger Bierfahne die Hand um die Schulter legenden Rock-Authentizität bis in die Details des Covers und des Booklets hinein vor sich herträgt: Obst in friedlicher Eintracht mit Eßbesteck und anderer Analogtechnik. Dazu fällt mir immer mein ehemaliger Freund S. ein, der sagte: "Ich verstehe nicht, was an HEAVEN 17 weniger authentisch sein soll als an BRUCE SPRINGSTEEN." - woraus man schließen kann, das Authentizität vor allem Haltungssache ist, und Haltung hat "Douze Pouze" ohne Ende. Es weiß genau, was es ist und was es will. Demzufolge kann man hier durchaus auf Disco-Einflüsse ("Äther") aber eben auch auf Rhythm Sections aus echt spielenden Musikern treffen, wie auf dem großartigen "Milchstraße", dem man stundenlang zuhören könnte: Über einem fast lakonisch gespielten, minimalistischen Groove entfaltet sich urbane Klangarchitektur aus Synthesizern und einem funky Gitarrenlick. Eine Nummer, die voll auf Sogwirkung durch Wiederholung setzt, und das allein hätte schon genügt. Aber subtile Earcatcher im Arrangement, "...kleine Sauereien...", wie mein Freund L. immer sagt, lenken uns ab, aber nur so weit, daß wir danach gleich wieder in den Strom eintauchen können, kaum merklich verändert. Ein Track wie eine Cabrio-Fahrt durch monochrome Glaspalast-Schluchten, ab und an ein Vogel oder ein buntes Stück Abfall, an dem die Augen kurz hängenbleiben. "Stahlträger/Zwischen dem Verlangen/Stützen das Grau/Wie siehst Du aus?" geht dazu der Text und fügt die Aspekte "Entfremdung" und "Verlust" hinzu. Form und Inhalt gehen ineinander auf. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Album, das trotz seines Roots-Bewußtseins nie retro sondern stets modern klingt!