Das sechste Dexter Buch passt irgendwie in die heutige Zeit. Es ist Unterhaltung der leicht-seichten Sorte, bei der es eindeutig auf den Konsumenten ankommt, wie viel Spaß er damit hat. Will heißen: Ist man in der Lage, die Logik außen vor zu lassen, und wird man magisch angezogen von künstlich erzeugter Pseudo-Spannung, so hat man an Double Dexter sicherlich seine Freude.
Gerade wenn man die TV-Serie kennt, so hat man beim Lesen immer wieder die bekannten Figuren vor dem geistigen Auge. Deborah, Cody und Astor spielen nach wie vor eine Rolle. Ebenso wie Kurzauftritte von Angel Batista und Vincent Masuka. Abweichend von der Serie gibt es nach wie vor noch Seargant Doakes, Rita und Dexters Bruder Brian. Statt dem Sohn Harrison hat Dexter im Buch die Tochter Lily Ann.
Beim Lesen kommt immer wieder das typische Dexter-Flair auf, was neben den Figuren vor allem am Setting und an Dexters Wortwitz liegt.
Trotzdem habe ich mich bereits während des Lesens und dann noch mal am Ende dafür entschieden, dass Double Dexter kein gutes Buch ist.
Das hat viele, viele Gründe und dieses Mal macht es wenig Sinn, eine Liste an Ungereimtheiten aufzuzählen ( so habe ich das bei meinen letzten Dexter-Rezensionen gemacht ).
Ich wurde nie das Gefühl los, dass der Autor auf Teufel komm raus versucht Spannung zu erzeugen, was einfach zu Lasten der Logik, des gesunden Menschenverstandes und am Ende einer glaubwürdigen Darstellung des Dexter-Charakters geht.
Generell geht es eigentlich schon mit dem Untertitel los:
"He's back and deadlier than ever"
Tatsache aber ist, dass Dexter in diesem Buch genau eine einzige Person umbringt und auch noch so doof ist, sich dabei erwischen zu lassen. Der Beobachter entkommt und wird dann vom Gejagten ( Dexter hat offensichtlich keinerlei Skrupel trotz ständiger Erwähnung des Harry-Codex einen unschuldigen Menschen umzubringen ) zum Jäger.
Auch der Titel "Double Dexter" will nicht so ganz zünden. Der Autor versucht zwar immer wieder das Double-Thema einfließen zu lassen, generell hat das Buch aber weder was mit einem Doppelgänger zu tun ( dafür kennt der "Doppelgänger" Dexter zu wenig ), noch wird die Zerissenheit zwischen dem "dunklen" Dexter und Dexter als Familienvater weiter ausgeführt.
Mit von der Partie sind wieder zahlreiche Doofheiten, die den Dexter-Charakter an vielen Stellen plump, unfähig und unsympathisch erscheinen lassen. Am deutlichsten wird das immer dann, wenn die Handlung recht einfach einer gewissen Logik folgen könnte, Dexter sich aber völlig anders entscheidet ( was dann in der Regel zum Misserfolg führt ) oder er erst gar nicht auf logische Schlussfolgerungen kommt ( "Rita trinkt in letzter Zeit heimlich so viel Alkohol ? Ob sie wohl ein Problem hat ? Ach nein, wird schon nix sein. Außerdem habe ich jetzt erstmal Hunger !" )
Der Autor hat aber auch eine Art, diese unlogischen oder aber auch nervigen Handlungsverläufe noch besonders hervorzuheben. Wenn sich Dexter dann ganz ausdrücklich darüber wundert, wieso denn der Computer auf einmal so lange braucht, bis er hochgefahren ist, dann weiß man als Leser sofort neunmalklug "Oh, oh ... da wird doch niemand einen Trojaner eingeschleust haben, der Dexter ausspioniert ?!?" Und ca. 50 Seiten später kommt dann die totale Überraschung, wenn man erfährt, dass da jemand einen Trojaner installiert hat, der Dexter ausspioniert hat.
Und wenn über Seiten hinweg ausgeführt wird, was Dexter nun als nächstes tun wird, wie er das Problem lösen wird, wie er vorgehen wird, wie er es allen zeigen wird ... dann ... ja dann kann man sich sicher sein, dass es aus irgendeinem profanen Grund eben genau nicht so ablaufen wird. Und wenn's nur daran liegt, dass er sich beim Abendessen dummerweise so vollgestopft hat, dass er kein Bein mehr auf den Boden kriegt ( und das ist jetzt nicht erfunden, sondern kommt so vor ).
Ich denke, man muss so eine Art des Geschichten Erzählens mögen. Mich nervt das. Es ist - wie eingang erwähnt - seichte Unterhaltung inkl. Pseudospannung, wie man sie jeden Tag im Privatfernsehen in einer dieser Reality-TV-Serien mitbekommt. Das Buch ist voll mit solchen Szenen.
Darüber hinaus kommen aber auch ganze Teile im Buch vor, die einfach nur langweilig sind und den Handlungsfluß künstlich unterbrechen. So z.B., wenn Dexter ein Problem hat, es aber nicht lösen kann, weil er doch versprochen hat, mit zum Camping zu fahren. Und dann der Camping-Trip auf 20 Seiten breitgetreten wird.
Außerdem wirkt das Buch wie aus einzelnen Versatzstücken zusammengewürfelt und irgendwie in Form gepresst. Während man zu Beginn noch denkt, dass parallel zur eigentlichen Handlung ein weiterer Psychopath ala Ice-Truck-Killer und Co. gejagt wird, hört dieser Handlungsstrang ( der mehr Spannungspotenzial als der Rest der Story hatte ) relativ bald wieder auf und verschmilzt dann recht plump mit dem Rest. Natürlich hat es sich der Autor wieder nicht nehmen lassen, beim Vorgehen dieses kurz auftretenden Killers gegenüber den anderen Büchern nochmal eine Schippe draufzulegen. Dieses mal werden also keine Leichen verstümmelt, gegessen oder sonst was. Nein - dieses mal werden Menschen mit einem Hammer so lange zu Klump gehauen - ohne die Haut dabei zu verletzten - bis sie wie ein Haufen Gelee aussehen ( Gähn !!! ).
Dexters Familienleben beschränkt sich darauf, dass Rita nervt oder eifersüchtig ist, Cody und Astor ständig am Videospielen sind und Astor selbst pubertätsgemäß ein verzogenes Gör ist. Jedenfalls solange, bis der im Stil von "Alarm für Cobra 11 auf dem Wasser" inszenierte Showdown kommt.
Ich merke, dass ich noch etliche Zeilen mehr über das Schreiben könnte, was ich an diesem Buch schlecht fand. Es sind einfach viel zu viele Dinge. Im Prinzip hangelt man sich von einem doofen Einfall zum nächsten und zwischendurch gibt es ein paar raffinierte oder witzige Textstellen, an denen man sich festhält. Unterm Strich muss ich mittlerweile aber für mich feststellen, dass Jeff Lindsay es einfach nicht drauf hat und ich am einst gut eingeführten Dexter-Charakter mehr festhalte, als dies eigentlich berechtigt wäre. Dexter ist mittlerweile zu großen Teilen ein unfähiger Typ, der durch sein eigenes Verhalten von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Sehe ich bei der TV-Serie übrigens ganz ähnlich.
Nach so vielen Zeilen ( die noch lange nicht jede Unzulänglichkeit dieses Buches beschrieben haben ) stelle ich fest, dass Jeff Lindsay auf Seite 200 sein neues Buch eigentlich selbst kurz und treffend beschrieben hat:
"Every now and then we find ourselves living through moments that make no sense at all. It's almost as if some omnipotent film editor has snipped us out of our familiar everyday movie and spliced us into something completely random (...), and nothing that happens has any relationship to what you think of as reality."
Na, dann: Ich "freue" mich schon auf nächstes Jahr ...
Von mir gibt es dieses mal 2 Sterne. Fans der vorherigen Bücher und immer noch begeisterte Kucker der aktuellen Staffeln werden mit diesem Buch jedoch mehr als zufrieden sein.
Nachtrag: Im Folgenden noch zwei Informationen, die man eventuell seit dem Lesen der letzten Bücher vergessen hat.
1. Deborah weiß Bescheid, wer ihr Bruder wirklich ist und was er macht.
2. Astor und Cody haben ebenfalls einen "Dark Passenger" und sind im Prinzip Mini-Dexters
Das sind eigentlich zwei Punkte, die wirklich Potential in Sachen Storytelling hätten. Leider werden sie nahezu komplett außen vor gelassen und es wird nicht weiter groß darauf eingegangen. Man wundert sich halt womöglich, wenn es irgendwann in der Mitte des Buches so nebenbei mal erwähnt wird.