Imre Kertészs ist ein ungarischer Schriftsteller und der erste Literatur Nobelpreisträger seines Landes. Er ist Überlebender der nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz und Buchenwald. Um diese Themen kreist eigentlich sein gesamtes Werk. Berühmt geworden ist er mit dem Buch Roman eines Schicksalslosen. In diesem Buch hat er dieses Auschwitz mit einer präzisen, neugierigen Gefühllosigkeit beschrieben, auf eine solche Art und Weise wie man bisher noch nie über Auschwitz lesen konnte.
In den bisherigen Büchern sind es immer Rollen, die er übernimmt, in diesem Buch wird er ganz persönlich, schreibt über sich selbst, über seine Kindheit, seine Jugend, seine Herkunft, natürlich über das Lager und das Überleben und seine einsame Zeit im kommunistischen Ungarn, die Diktatur mit den menschenunwürdigen Schauprozessen und dem politischen Aufstand. Es ist eine faszinierende Form der Selbstbefragung, ein Selbstgespräch, das er führt, ohne jede Skrupel, um die persönliche und historische Wahrheit zu finden. Das Ich ist für ihn eine Fiktion, die immer neu erfunden werden muss. Aus diesem Grund kommt er auf die tolle Idee des dialogischen Schreibens, Stimme und Gegenstimme. Hier befragt sich ein kluger Mann selbst sehr klug, dabei gelingt es ihm mit einer großen Selbstsicherheit Widersprüche und Zwiespältigkeiten aufzudecken.
In einem Satz zitiert er sich selbst aus seinem Roman Liquidation und sagt: Das Leben ist entweder Demonstration oder Kollaboration. Und in diesem Zusammenhang gibt es den Satz: Überleben kann man nicht im Widerstand, sondern nur durch Kollaboration. So hat er Auschwitz überlebt und so ist das dann auch in Ordnung. Da gibt es den wunderbaren Satz: Die Tröstung war eigentlich immer der mögliche Selbstmord. Die größere Leistung ist ja das Überleben. Auch in Kadar Ära hat er Kollaboration betrieben, weil er diese vielen albernen Lustspiele zum Broterwerb geschrieben hat.
Allen Büchern von Kertész liegt ein tragischer Stoff zu Grunde, es sind Zeugnisse der Barbarei des 20. Jahrhunderts, das völlige Versagen der Kultur. Und der absolute Widerspruch, oder besser gesagt, die Schizophrenie ist, das er von der totalen Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz schreibt, als sei das Schreiben für ihn ein lustvoller Vorgang. Das wurde bisher häufig missverstanden, deshalb ist dieses Buch nicht nur eine Selbstentblößung, sondern für den Autor ist es zugleich die Möglichkeit die Deutungshoheit über sein Werk zurückzuholen.
Kertész ist interessanter Weise kein Moralist geworden, denn er sagt, nach Auschwitz würde es sich erübrigen, über die menschliche Natur in irgendeiner Form zu richten. Er lebt trotz dieser weltbezogenen Illusionslosigkeit heiter.
Dieses Buch, eine Mischung zwischen Überlebensschuld und Lebensbejahung, ist vielleicht nicht nur eine lupenreine Autobiographie, sondern in irgendeiner Form auch ein Roman.
Ich bin dankbar, dass es dieses Buch gibt. Es hat so viele unterschiedliche Reflexionsebenen und ist atmosphärisch dicht geschrieben. Eine faszinierende Lektüre, die ich von ganzem Herzen ,mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielerlei Gründen, empfehlen kann.