6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Hinter den Kulissen knallt es, 7. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Dorf Guerilla (Broschiert)
Inhalt:
Andreas, berliner Fremdsprachenkorrospondent - die Hauptfigur - fährt für ein paar Tage in die niedersächsische Provinz, um der Hochzeit seines Bruders beizuwohnen. Er kommt aber vorerst nicht ganz an, weil sein geliebter Alfa Romeo den Geist aufgibt. Nach einigen Überredungskünsten bekommt er von der Werkstatt zumindest einen Leihwagen, um dann doch noch ins Dorf seines Bruders zu kommen. Zumindest hofft er das. Die Provinz zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es sehr schwer ist, den richtigen Weg zu finden. Aber Andreas bekommt Hilfe von zwei Polizisten, die offensichtlich schon vorher wissen, wohin er will. Und entgegen der allgmeinen Auffassung, dass Polizisten ja nur abkassieren wollen, entpuppen sich die zwei als äußerst hilfsbereit. Sogar merkwürdig hilfsbereit.
Da Andreas als Kind in dem Dorf aufgewachsen ist, trifft er nach seiner Ankunft auf viele alte Bekannte. Aber es scheint sich auch einiges verändert zu haben. Das Dorf verfügt über eine Disco, in der erschreckend moderne Musik gespielt wird und ein asiatisches Restaurante, das eine Art Treffpunkt für die Dorfbewohner ist.
Andreas lernt einige sehr skurrile Personen kennen, so zum Beispiel die Symbiose der "Jojos". Anfangs machen die beiden noch einen ganz netten Eindruck - nett sind sie eigentlich auch - aber dass sie mehr als nur verrückt und hochgefährlich sind, wird sich erst später herausstellen.
Nach und noch kristallisiert sich heraus, dass in dem Dorf eine Art Kriegszustand herrscht. Mindestens zwei Gruppierungen haben zwar einen mehr oder weniger haltenden Waffenstillstand geschlossen - zumal sie sich auch nicht wirklich hassen - aber es gärt im Gebälk. Eine Kathastrophe könnte jederzeit ausbrechen.
Und letztlich bricht sie auch aus.
Die Brutalität, die dann ans Licht kommt, lässt einen fast den Atem stocken.
In den Ziwschensequenzen, in denen der eher stoisch reagierende Andreas Luft holen kann, freundet er sich mit Heike an. Fast entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden. Heike hat auch eine 12jährige Tochter, der aber erst gegen Ende der Geschichte zu einer interessanten Schlüsselfigur wird.
Die Charaktere:
Da ist Andreas, die Hauptperson. Ein netter, ruhiger Typ, der das Ganze eher verwundert über sich ergehen lässt. Statt auszurasten, scheint er sich eher immer die Frage zu stellen: Nanu, was ist denn hier los?
Da gibt es die immer wieder auftauchenden Dorfpolizisten, die eigentlich gar keine Beamten sind, sondern vielmehr nur eine Art Platzhalter für eine Gerechtigkeitsinstanz. Jedoch sind sie mit der Situation überfordert, ganz einfach, weil sie zu nett sind. Zum Teil sehen sie keine andere Möglichkeit um z.B. Temposündern beizukommen, als ihnen das Auto anzünden. Nicht als Bestrafung, sondern weil sie wirklich Angst um den Fahrer haben.
Da gibt es die beiden Jos. Da sie meist zusammen auftreten, sind sie wie eine Person und heißen Jojo. Vorzugsweise nett und freundlich, schimmert aber immer wieder durch, dass sie an dem Töten (!) ihrer Feinde ein diebisches Vergnügen haben.
Und da ist noch Merlene, die 12jährige Tochter von Heike, die am Ende der Geschichte mit Andreas nach Berlin flieht. Sie sorgt - zumindest bei mir - dass ich die "Moral" der Geschichte begriffen habe. Jedenfalls glaube ich das, sie begriffen zu haben.
Am Rande zu erwähnen sind vielleicht noch zwei Zombies. Die sind nur bedingt wichtig, aber vielleicht doch ein bisschen ...
Es gibt noch weitere skurile Charaktere, aber diese blieben mir am stärksten im Gedächtnis.
Stil:
Den Schreibstil empfinde ich als flüssig und angenehm. Er ist weder geschwollen noch flach und unterstützt somit die ganze Story als solche.
Zum Teil gibt es Dialoge, bei denen ich mich vor Lachen fast weggeschmissen habe. Das liegt vor allem an der völligen Trockenheit dieser welcher. Ich möchte dabei nur kurz auf Sex, Mohamedaner, Zombies und Dorfdiscoklos hinweisen und auf die Abgleichung von Personaldatein.
Aussage:
Hier kann ich nur das wiedergeben, was ich verstanden habe.
Andreas lebt in Berlin, in einer großen Stadt, auf die alle Augen gerichtet sind. Hier fehlt es ihm an nichts.
Als er aufs Dorf kommt, wird ihm nebenbei erklärt, dass das Dorf und seine Bewohner seitens der Politik einfach sich selbst überlassen werden. Es gibt kein Geld für nichts. Selbst die eingangs erwähnten Polizisten bekommen kein Gehalt mehr, sind offiziell also gar nicht vorhanden und beziehen ihr Gehalt aus Spenden der Dorfbewohner. Umso schwieriger ist für die beiden somit das Vorgehen gegen Straftäter, denn letztlich werden sie von ihnen bezahlt.
Die kleine Marlene flüchtet mit Andreas am Ende, weil sie für sich und ihr Leben keine Perspektive sieht. Sie weiß, dass sie intilligent ist. Doch würde sie bleiben, wo sie ist, würde sie nicht nur in den Strudel der Gewalt gezogen werden, sondern auch geistig verkümmern, weil es keine Alternative für sie gibt.
Somit würde ich vermuten, dass die Geschichte auch ein Teil einer Allegorie auf unser Land ist: Es ist nicht entscheidend, was du kannst - es ist entscheidend, woher du kommst.
Fazit:
Ich habe mich unterhalten gefühlt. Manchmal habe ich schallend gelacht. Die urplötzlich auftauchenden Gewaltorgien sind knackig und rütteln wach.
Das ist vielleicht auch die einzige und winzige Schwäche. Mir persönlich wäre etwas mehr "Krieg" und etwas weniger "Erzählung" lieber gewesen. Aber das ist eigener Geschmack.
Im ersten Moment denkt man, ein Buch vor sich zu haben, in dem ein Typ aus der Großstadt aufs Dorf kommt und in einen Krieg verwickelt wird. Aber "Dorf Guerilla" ist mehr. Viel mehr. Blickt man hinter die Kulissen, wird einem klargemacht, was in diesem Land los ist, und in welche Richtung es sich entwickeln könnte, wenn so weiter gemacht wird, wie bisher. Dann wird es nämlich knallen - und zwar gewaltig. Und es wird mehr in die Luft fliegen, als ein einsamer, jungfräulicher Zombie und ein kleines Dorf.
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