'Doppelleben' beinhaltet zwei zeitlich unabhängig entstandene und in essayistischer Schreibhaltung angelegte Textkörper: Der 'Lebensweg eines Intellektualisten' (1934)trifft kontrastierend auf 'Doppelleben' (1950). Beide Abhandlungen unterliegen einem chronologischen Aufbau, während die thematische Auswahl und die Gedankenführung einen uneinheitlichen Eindruck hinterlassen, da sie von einer klassisch individuellen Lebensgeschichte weit entfernt sind. Erwähnungen zur inneren Immigration während des Nationalsozialismus und zur lebenslangen Freundschaft mit dem Bremer Friedrich Wilhelm Oelze werden nicht angesprochen.
Der 'Lebensweg eines Intellektualisten' beginnt in einer jovialen Sprachgebärde mit einer Beschreibung seiner familiären Situierung, handelt die ergriffene Bildungsvita ab und schließt mit seiner Tätigkeit als Militärarzt. Den weitaus größten Raum nimmt die Erläuterung zur expressionistischen Werkphase ein. Hier sind es nicht die vielbesprochenen und die weit in die öffentliche Wahrnehmung vorgedrungenen Gedichte, sondern es werden vielmehr die Figuren 'Pameelen' und 'Rönne' aus dem eher unbekannten dramatischen Werk fokussiert. 'Pameelen' ist die Leitfigur in den dramatischen Stücken 'Karandasch' und der 'Vermessungsdirigent' (beide 1916), während der Arzt 'Rönne' in den 'Rönne-Novellen' (1915/16) im Mittelpunkt steht. Sowohl Rönne als auch Pameelen verkörpern auf paradigmatische Weise das gebrochene Menschenbild der Moderne. Beide stellen die radikale Frage nach der Wirklichkeit und nach der Bedeutung des Ichs neu und schonungslos offen. Sie wird negativ beantwortet mit einer psychischen Destruktion: Sie erscheinen als Symptomträger und Krisenfiguren, als Zerfallsprodukte und als depersonalisierte Erscheinungsformen, die durch Identitätsverlust und Wirklichkeitsverlust mehr die Moderne durchtaumeln, denn das Vermögen zu besitzen, aufrecht zu gehen.
Nachfolgend finden sich kunsttheoretische Erörterungen, rudimentär angelegt, ungeordnet und assoziativ angedeutet, schockierend und verstörend, aber reinigend zugleich. Benn lässt die dissoziativen Kräfte im Menschen wirken. Destruktion wird zu einer schöpferischen Methode und schließlich wird die Kunst zu einem anthropologischen Prinzip erhoben. Sein Menschenbild spiegelt eine radikale Abspaltung von Leben und Geist wider. Geist geht nicht im ganzheitlichem Sinne im Leben auf, sondern Geist ist anthropologischer Geist, ein arthaftes Prinzip, Entelechie, Ur-sein, Bewusstsein und bewusst formender Geist, während das Leben eine Entäußerung des Geistes ist: eine praktische Funktion des Geistes als Existenzbetätigung und Existenzsicherung, eine Summe aller institutionalisierter Gegebenheitsweisen, eine Reizexistenz und Nervenexistenz. Das Nachdenken setzt ein bei dem Existentiellen, bei seinen Phänomenen, bei seinen Wirkungen: erst der Bruch, die Entzweiung, die Schöpfung individueller Bewusstseinslagen durch eine Trennung von Geist und Welt induziert eine radikale Gegenüberstellung von Mensch und Welt, Mensch und Wirklichkeit, Mensch und Gott, aber auch von Mensch und Traum.
In 'Doppelleben' begründet Benn sein Aufenthalt und sein Verbleiben in Deutschland nach 1933. Benn charakterisiert die wenigen, unglücklichen Begegnungen mit dem Nationalsozialismus, die öffentlichen Angriffe gegen seine schriftstellerische Tätigkeit bis zum Ausschluss aus der Reichschrifttumskammer (1938) und die Kritik der politischen Emigranten, hervorgehoben durch einen Briefwechsel mit Klaus Mann. Seine Darstellung wird auch in diesem Teil mit Überlegungen zur absoluten Prosa, zu Ausdrucks- und Formproblemen ergänzt. Auch hier bleibt er seinem thematischen ductus treu, indem sich wieder persönliche Eindrücke wie über das Kasernenleben in 'Block II, Zimmer 66' beimischen oder indem er abschließend wieder (zu) jovial seiner Vita huldigt.
Was darf man aber vor dem Hintergrund einer fragwürdigen und strittigen Position gegenüber den Emigranten zu Beginn des Nationalsozialismus im Rahmen einer Selbstdarstellung noch erwarten? Flucht oder Vermeidung? Verteidigung oder Bekenntnis? Kampf? Der in 'Doppelleben' veröffentlichte Brief von Klaus Mann (09.05.1933) zur kritikwürdigen Rolle des Dichters Gottfried Benn im Umgang mit dem Nationalsozialismus folgt eine Gegendarstellung Benns, die im Frühjahr 1933 durch den Rundfunk ging als 'Antwort an die literarischen Emigranten'. Benn verweist rechterfertigend auf eine Regierung, die legal zur Exekutive gekommen ist und in ihrer Zusammensetzung nicht totalitär ausgerichtet war. Nach Auffassung Benns wird ferner die Geburt und die Entwicklung eines Volkes durch Gewalt eindeutig verteidigt und als moralisch legitim erachtet. Auch hiervon handelt 'Doppelleben'.
Prädikat: Besonders wertvoll!