Der britische Autor Tim Parks hat sich spätestens mit dem Buch Schicksal auf dem deutschen Buchmarkt vom Geheimtipp zum Bestseller-Autor gemausert. Seit der Empfehlung in der jüngsten Sendung von Elke Heidenreich sind auch die Verkaufszahlen des jüngsten Romans "Doppelleben" in ungeahnte Höhen geschnellt. Doch zu Recht?
In Italien waren es sechshundertvierzig, in Deutschland zweihunderteinunddreissig und in Spanien hat Mozarts Don Giovanni eintausendunddrei Frauen verführt. Daniel Savage - der Held in Tim Parks Roman „Doppelleben" - könnte da wahrscheinlich gut mithalten, er hat seinem Nachnamen und den Klischees, die sich um sexuelle Kapazitäten schwarzer Männer ranken, alle Ehre gemacht und es während seiner fast 20jährigen Ehe nebenher wild getrieben. Doch damit ist jetzt Schluß. „Es gibt kein Leben ohne Doppelleben, und doch hat man irgendwann genug davon", mit dieser Selbsterkenntnis lässt Parks seinen Roman beginnen. Daniel Savage hat allen Grund zur Umkehr, nachdem eine seiner Affären aufflog, seine Frau ihn deswegen aus der Wohnung schmiss, um sich schließlich doch wieder zu versöhnen. Dies und seine Ernennung zum Strafkammer-Richter sind Anlass für einen Neustart, besiegelt durch den Kauf eines eigenen Hauses für die aus der Asche einer mittelgroßen Krise wiedererstandene Familie. „Die Zeit der Metamorphosen ist vorbei. Ich habe mich selbst gefunden", stellt Daniel Savage fest.
Wenn ein Buch mit der Selbstfindung seines Protagonisten beginnt, mutmaßt man zu Recht, dass da wohl noch ein dickes Ende kommen muß. Richter Savage erweist sich denn bei näherem Kennenlernen auch als nach wie vor ziemlich unausgegorenes selbstbezogenes kaltes Ekel und es braucht schon viele Dutzend Seiten, bis man wenigstens so etwas Mitleid mit ihm bekommt. Savage heißt nicht nur wild, sondern auch grausam, der Richter allerdings ist im entscheidenden Moment eher nicht grausam genug. Eine frühere koreanische Geliebte ruft ihn an und bittet flehentlich um Hilfe. Savage geht dem Ganzen nach und begibt sich in einen Sumpf aus Schleuserbanden, Rauschgifthändlern und verdeckten Ermittlern - all das vollkommen ahnungslos, was besonders deshalb erstaunlich ist, weil der Umgang mit zwielichtigem Gesindel zu seinem Tagewerk als Richter gehört.
Savage jedenfalls wird bei der Suche nach seiner Ex-Geliebten aus dem Hinterhalt überfallen und halbtot geschlagen, was an sich schlimm genug ist, doch bei ihm kommt noch hinzu, dass er nach dem Erwachen aus dem Koma nicht ehrlich sagen darf, wer vermutlich dahinter steckt, jedenfalls nicht ohne mit der ganzen Wahrheit herauszurücken, seine frisch wiedergewonnen Familienfrieden zu zerstören und den Ruf und die Stellung als Richter aufs Spiel zu setzen.
Wie viele der Angeklagten, die er täglich vor sich hat, entscheidet sich Savage zunächst für eine Strategie der Vertuschung, um dann peu à peu erst mit der halben und schließlich mit der ganzen Wahrheit herauszurücken, ohne dass ihm das dann noch etwas nützen würde. So gerät er endgültig in einen selbstzerstörerischen Strudel aus Lügen und Halbwahrheiten, Maskerade und Entblößung, Demütigung und Selbstmitleid.
Vielleicht wäre die ganze persönliche Geschichte langweilig geworden, hätte sie Parks nicht so klug mit dem britischen Rechtssystem verwoben. So aber gewinnt die Geschichte ihre Spannung auch aus den Parallelen und Überschneidungen zwischen Familienleben und Gerichtsalltag, zwischen privater Moral und Rechtsnormen einer Gesellschaft, zwischen persönlichen Verfehlungen und öffentlichen Interessen. Vor Gericht und bei Freundschaft und Liebe geht es schließlich um ähnliche Fragen: Wem kann man trauen, was ist die Wahrheit und was nur die Inszenierung davon? Wie wichtig sind Regeln und Normen, auch wenn man weiß, dass sie nie hundertprozentig erfüllt werden können? Was ist eine angemessene Sühne und wann ist keine Rückkehr in die Gesellschaft oder keine Versöhnung in Ehe und Familie mehr möglich?
Parks ist in „Doppelleben" das faszinierende Porträt eines Mannes gelungen, der für diese Fragen beruflich durchaus Antworten parat hat, ihnen aber privat zunehmend hilflos gegenüber steht. Er kann sich nicht entscheiden zwischen der langweiligen Geborgenheit monogamer Familienidylle und den flüchtigen Freuden exzessiver Promiskuität. „Es schien nur die Wahl zu geben zwischen dem Leben im Gefängnis oder dem Dasein auf einem einsamen kalten Planeten", läßt Parks seinen Helden denken und bringt dabei das Dilemma des Don Juan auf den Punkt. Denn der stopft mit seiner sexuellen Hyper-Aktivität vor allem die Löcher im eigenen Innenleben. Savage braucht die Affären, um seine Selbstzweifel in Schach zu halten, und er braucht eine Familie, weil er ohne sie emotional nichts ist.
Doch es liegt nicht nur daran, dass sich der Richter immer mehr als Betrogener Betrüger fühlt. Denn wie sich herausstellt, tragen auch viele andere Menschen in seiner Umgebung ein Geheimnis mit sich herum und so bleibt bis zum Schluß offen, ob Savage nicht nur Opfer in einem großen Komplott ist. Parks hat also einen spannnenden Roman geschrieben. Der Kunstmann Verlag aber sollte von dem Gewinn unbedingt weitere Korrektoren einstellen und einen besseren Übersetzer verpflichten, denn was an diesem Buch stört sind die vielen Rechtschreibfehler und die lieblose Übersetzung.