Was bewegte Antje Vollmer, dieses Buch über die Lehndorffs zu schreiben und warum gerade jetzt die Veröffentlichung?
Gibt es nicht genug Literatur über die Zeit des "Dritten Reiches", seinen Werdegang und seinen Widerstand? Wir wissen doch, wie gerade die Reichswehr schon in der allerersten Zeit von Hitler vereinnahmt wurde (siehe das erst im Jahr 2000 veröffentlichte Protokoll aus den Diensträumen Hammerstein-Equords in "Hammerstein oder der Eigensinn", Enzensberger!). Die Mitschuld gerade der Adligen am bösen, unmenschlichen 2. Weltkrieg ist ja bekannt, aber auch das erschütternde Eingestehen, wie es in diesem aufschlussreichen Buch sichtbar wird.
Nun, diese Veröffentlichung gerade jetzt ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Interesse aufkeimt zu wissen, zu lernen, was damals (noch!) geschah und was wir an gerade Erlebtem, vielleicht bei einem Besuch in der alten Heimat, wieder vor Augen geführt bekommen. Ich habe mir also das Buch besorgt, danke dem Verlag dafür und weil ich gerade in diesem Sommer wieder im ehemaligen Ostpreussen, der Heimat meiner Vorfahren, zu Besuch war, bin ich von der Lektüre sehr mitgenommen.
Gut, damals, als wir aus Pommern hinausgingen, war ich bald sechs Jahre alt und trotzdem ist mir vieles in Erinnerung geblieben.
Die nachzeitige Literatur über den Widerstand hatte ich gelesen, immer wieder auch in der Familie besprochen und trotzdem, hier in dem von Antje Vollmer erzeugten literarischen aufklärerischen Werk ist mehr zu finden als in früheren Zeugnissen. Dass der Widerstand auch bis in die Reihen der SS getragen wurde z.B., zumindest am Ende der Versuch gemacht wurde, ist für mich neu. Aber wie man damals in dieser entlegenen Gegend lebte, wird wieder deutlich, wie sich alles auch politisch entwickelte, wie es dort in Ostpreussen lange so etwas wie Frieden gab und wie die Bosheit dieser Zeit sich allmählich heranschmiegte, das wird wieder deutlich. Und es wird ganz klar, wie das, was wir Engelsgeduld nennen, oft schändlich ausgenutzt wird, Ritterlichkeit verachtet wird und direkte Gier sich erhebt, der Dummheit so nahe.
Ist es die vergangene Zeit, ist es die Dankbarkeit, einmal davongekommen zu sein, ist es die Anteilnahme an ähnlichen Erlebnissen, an Gefühlen und ist es nicht auch die Freude, dass alles weitergeht, auch im Guten weiterzugehen vermag?
Nein, wer nachvollziehen will, wer die kathartische Erfahrung des Mitempfindens erleben will, der sollte dieses Buch langsam lesen. Man wird es danach nicht in irgendeine Ecke stellen, sondern bewußt an einen Ort aufbewahren, um z.B. den letzten Brief von Heinrich von Lehndorff an seine Frau Gottliebe zu entziffern.
Richtig, da braucht man sich der inneren Erschütterung nicht zu schämen und darf sich nachher schon mal ans Klavier setzen und sachte die alten ostpreussischen Lieder anstimmen und Ännchen von Tharau wird es freuen, die Schwäne auch. Ich war, wie gesagt, in diesem Sommer im ehemaligen Ostpreussen und in Pommern, das Licht leuchtet genau so wie damals, die Erde riecht so, wie ich es als kleines Kind in Erinnerung hatte und ich meinte fast, sie freute sich, als sie mich wieder sah. -
Ich denke immer wieder an die Stunden mit meinem Vater, der von der Ostfront kommend, mich auf irgend einem der schönen Seen im Paddelboot mitnahm, egal ob ich wegen der Schaukelei beim Einsteigen ängstlich schrie oder nicht und ich höre noch heute das Geräusch des sich teilenden Apfels, den er mit seinen guten Händen teilte. Es ist tröstlich auch, dass die Lehndorff-Kinder sich im Leben bewährten und genau, man sollte recht oft diese Gegend besuchen, solange man lebt auf dieser schönen Erde.
Dieses Buch ist ein Ereignis in unserer Zeit, ein wertvolles.