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Erika Assmus und Carola Stern: eine Biographie
Kluge Photographen vermögen mit ihren Porträts das Wesen eines Menschen deutlich herauszustellen. Für das Umschlagbild der Autobiographie von Carola Stern legte der Photograph einen langhaarigen Pelzkragen um sie. Das zeigt einmal grossstädtische Eleganz eine ihrer letzten Biographien galt ja der Sängerin Fritzi Massary , aber zugleich sieht es aus, als ob er sie mit etwas Warmem und Schützendem umhüllen wollte. Denn die couragierte Publizistin, Mitbegründerin der deutschen Sektion von Amnesty International, langjährige Vizepräsidentin des deutschen PEN und ungeheuer produktive Autorin, hat sich in einer Weise offenbart, die viele überrascht haben wird. Sie bringt damit nicht nur eine Epoche zurück, die dem Gedächtnis mehr und mehr zu entschwinden droht, die unmittelbare Nachkriegszeit, sie zeigt auch die Komplexität eines Lebenslaufes, der sich keineswegs mit linearen Mustern beschreiben lässt. Eine kleine Sensation war ihr Bekenntnis, in die SED lediglich im Auftrag als amerikanische Agentin eingetreten zu sein, Sensationelles ist daran nichts. Nichts von einer schillernden Spionin, Carola Stern fand den Mut, sehr ernüchternd diese teilweise doch eher banalen Umstände zu schildern.
Zweimal stellt sie sich in diesem Buch die Frage: Wer bin ich? Sie beginnt mit ihren beiden Namen, ihrem Geburtsnamen Erika Assmus sowie ihrem Schriftstellerpseudonym Carola Stern, und der Frage, wie oft sie in ihrem Leben verwechselt und nicht erkannt wurde. Damit fächert sie ihre Figur sogleich kaleidoskopartig auf. Von ihrer Jugend auf Usedom schrieb sie in ihrer Doppelbiographie «In den Netzen der Erinnerung», die sie und ihren späteren Ehemann Heinz Zöger in zwei sehr exemplarischen deutschen Biographien zeigte: er als Widerstandskämpfer und überzeugter Kommunist, sie als BDM-Führerin. Nun ist ihre Sicht darauf noch lakonischer. Interessant ist aber die Akzentverschiebung. Betonte sie früher ihren Hang zum falschen Heroismus, so rückt sie jetzt ihre vaterlose Kindheit sowie ihre Fabulierlust in den Vordergrund. Mit Sinn für Komik erzählt sie von ihrer damaligen Einsamkeit, der allgemeinen Dumpfheit und dem totalen Identitätsverlust. So war sie beides zugleich: loyale Agentin und überzeugte Jungmarxistin an der SED-Parteihochschule. Ihrer Sucht nach Zugehörigkeit, schreibt sie, frönte sie in beiden Lagern.
Das alles ist in sparsamen Strichen nur angedeutet, dennoch ist sie hier dem Leser am nächsten. Ihre Bereitschaft, für die Amerikaner zu arbeiten, mag in der Notlage ihrer kranken Mutter begründet gewesen sein, die Ursachen sind jedoch eher in einer existenziellen Leere zu suchen. Denn was hätte sie dem Regime entgegensetzen können ausser ihrer Angst? Und die liess sie auch nach ihrer Flucht in den Westen 1951 nicht los. Ihre Befreiung beginnt mit ihrem zweiten Namen und ihrer Karriere als DDR-Forscherin. Doch wirklich gelöst erscheint sie zum ersten Mal während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in der Londoner Kommune von Erich Fried 1957, weit weg von Berlin, wo ihr die Entführung in den Osten durch die Staatssicherheit drohte.
Mit ihrem Umzug nach Köln geht es dann schnell voran. Je mehr sie zu Carola Stern wird, desto kursorischer und nonchalanter werden die einzelnen Stationen abgehandelt: Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch, politische Kommentatorin beim WDR. Sie ist ausgefüllt mit Aktivitäten, und sie lernt ihren Mann kennen. Eine ganze Vielzahl von Personen, Freunden und Kollegen ziehen jetzt vorbei. Angefangen bei Böll und Grass bis hin zu Heinemann und Gollwitzer, die Frauen- und Friedensbewegung, Amnesty usw. Auch hier ist ihr Leben exemplarisch; es begleitete und gestaltete die Entwicklung einer kritischen wie demokratischen Gesellschaft.
Am Ende fragt sie sich noch einmal: Wer bin ich, und was hätte unter anderen Umständen aus mir werden können? Ihr Blick zurück ist ein melancholischer, weil sich viele Hoffnungen nicht erfüllten, und ein skeptischer auf sich selbst, fern der selbstgerechten Überzeugung, zu wissen, wer man sei.
Thomas Fitzel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Sterns leicht zu lesende, flotte und klare Journalistensprache machen es leicht, dieses Buch, das eine Menge Information enthält, mühelos in einem Zuge durchzulesen. Es wird auch nicht langweilig dabei! Von Erika Assmus interessierte mich, wie sie von der CIA angeworben und geführt wurde, welche Erlebnisse sie auf der Parteischule der streng stalinistisch ausgerichteten SED gemacht hat. Der zweite Teil, in dem sie zum Teil sehr detailliert ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit ihren Freunden Erich Fried, Heinrich Böll, Günther Grass und anderen beschreibt, ist aber deshalb nicht weniger interessant.
Vor allem habe ich viel über das Lebensgefühl jener linker Künstler und Journalisten in den 60er und 70er gelernt, die für eine Epoche der Bundesrepublik prägend waren. Sie fühlten sich mit einem politischen Auftrag ausgestattet und agierten selbst oft radikaler als die radikalsten Politiker der SPD („Die Suche nach dem dritten Weg"). Genau beschreibt sie eine Aktion zur Legalisierung der Abtreibung und ihr Engagement gegen den NATO-Doppelbeschluss.
Manchmal ein wenig erschreckend ist, wie weit Journalismus und Parteipolitik miteinander verwoben waren. Zitat (Seite 221). „Im Sommer nahm ich an einer der langweiligsten Programmkonferenzen teil, die im WDR je stattgefunden haben. [...] Angesichts der über die Rheinbrücke rollenden Züge überfiel mich Fernweh. [...] Kurzerhand [...] griff (ich) zum Telefon und erkundigte mich in Bonn, ob die Möglichkeit bestünde, in den nächsten Tagen an einer Auslandsreise eines Politikers teilzunehmen. Eine Delegation der Jungsozialisten, erfuhr ich, bereite sich darauf vor, zu den Befreiungsbewegungen für Rhodesien und Südafrika [...] zu fliegen. [...] Und die Jusos nahmen mich mit."
Alles in allem ein sehr interessantes, lesenswertes Buch, wenn der Inhalt auch stellenweise provoziert.
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