Tod Williams gelang 2004 dank seiner vorzüglichen Darsteller eine weithin überzeugende Verfilmung des ersten Teiles von John Irvings Roman "A Widow for One Year". (Witwe für ein Jahr) Besonders herauszuheben sind die Hauptdarsteller: Jeff Bridges (55) beweist wieder einmal seine große dramatische Potenz und versieht die große Bandbreite der komplexen Hauptfigur mit erstaunlicher Glaubwürdigkeit. Kim Basinger - unfassbar, wie sie mit 53 Jahren noch aussieht - bietet eine äußerst sensible und filigrane Darstellung der Gattin. Ebenso überzeugt auch John Foster(20) als Assistent des Künstlers, Sohnersatz und jugendlicher Liebhaber.
Nach dem traumatischen Verlust beider Söhne durch einen Autounfall versuchen der erfolgreiche Kinderbuch-Autor Ted Cole und seine Frau Marion einen Neuanfang. Sie lassen sich in den Hamptons, dem östlichen Ende von Long Island, nieder. Ihre Tochter Ruth kommt zur Welt. Doch die Beziehung, bereits vor dem Verlust der Söhne schwierig, krankt weiter. Ted trinkt etwas zuviel und zelebriert erotische Psychospielchen mit wechselnden Musen unter dem Vorwand, Modelle zeichnen zu wollen. Außerdem tobt der mit der Tochter liebevolle und geduldige Vater sich wütend in einer Squash-Halle auf dem Boden des Hauses aus.
Marion hat das ganze Haus mit Fotografien der verstorbenen Söhne dekoriert und zelebriert mit der Tochter endlose Erinnerungs-Zeremonien, wenn sie nicht gerade in eine komatöse Benommenheit fällt. Ted erklärt ihr wie beiläufig, dass er den Park völlig umgestalten will. Aber es bleibt nicht bei dem Garten: er möchte die Trennung - zumindest mal für ein Jahr.
Doch gleichzeitig versucht Ted, sein Leben wie einen Roman zu arrangieren. Er hofft, seine Frau aus dem Bann ihres Kataklysmus zu befreien, indem er den jungen Eddie, der den Autor bewundert, als Assistenten einzustellt. Eddie glaubt an eine Chance, von dem Schriftsteller lernen zu können. Marion vermutet, Ted suche wegen seines Führerscheinverlustes einen Fahrer - doch Ted hat Eddie lediglich wegen seiner Ähnlichkeit mit Thomas, dem ältesten der verstorbenen Söhne, engagiert.
Der junge Mann ist natürlich überwältigt. Solch ein Haus am Meer, die unkonventionelle Lebensweise, vor allem aber die attraktive Gattin des Künstlers - erst nutzt er heimlich Fotos und Wäsche Marions zu seiner Befriedigung, dann erfüllen sich sogar seine feuchten Träume: Marion bietet sich dem Sohnklon an, nachdem sie Eddie in voller "Action" ertappt hatte. Ob sich Ted die Befreiung seiner Frau so vorgestellt hat? Jedenfalls reagiert er Eddie gegenüber nur mühsam gelassen, zerlegt ihn zornig beim Squash und steigert sich in eine überzogene Szene, weil die kleine Ruth im falschen Moment ins Schlafzimmer der Liebenden laufen konnte.
Davon ab spielen alle mehr oder weniger die zivilisierten Menschen - doch die Leichen liegen unter einer Tür im Boden nur verborgen. Früher oder später, weiß Ted in einer seiner Kinder-Erzählungen, wird jemand die Klappe öffnen.
Für die Coles ist es so weit, als Ruth das Glas eines Foto mit den beiden verstorbenen Söhnen zerbricht und sich dabei schneidet. Eddie versucht zu kitten, lässt das Bild reparieren - doch die Steine rollen bereits: Ted jagt seine Muse mit Eddie als Boten dramatisch zum Teufel und Marion verlässt alle: Ted, Eddie und Ruth. Sie nimmt ihre geliebten Fotos, aber auch die Negative, mit, und sie möchte zu Teds Entsetzen auch nicht mehr für Ruth sorgen. Der stumme Abschied des Paares voneinander, voller Liebe, aber auch ohne Hoffnung, zählt zu den ergreifendsten Momenten des Films.
Zurück bleibt die 5-jährige Ruth (Elle Fanning) mit einem innerlich zerstörten Vater, der sich an einen neuen Alltag mit schlechten alten Gewohnheiten festzuklammern versucht - und mit dem einzigen verbliebenen Foto ihrer Mutter und ihrer Brüder, von denen auf dem Bild nur die Füße unter der Bettdecke herausschauen.
Es kommt, wie es kommen muss: Der Mohr kann gehen: Ted feuert Eddie - doch zunächst erzählt er ihm im Dunkeln - denn "manche Geschichten kann man nur im Dunkeln erzählen" - noch die Geschichte von Marion, Ted und ihren beiden Söhnen...
Irving behandelt in seinem Buch wie stets sein großes Thema "Verlust". Für ihn ist es ein Ausdruck der Liebe zum Menschen, wenn er die pittoresken Lächerlichkeiten liebevoll beschreibt, mit denen wir unsere Reste von Würde auszuschmücken pflegen, Leiden und Angst zu kaschieren versuchen. Die Irvingschen Motive des extrem betriebenen Sports (hier das Squash), der Akzeptanz der Lust und der drolligen Art, sich über menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten zu mokieren, finden sich im Film wieder - alle Figuren scheinen stets auch ein wenig neben sich zu stehen und den Kopf über ihr eigenes Handeln zu schütteln, mit Ausnahme der kleinen Ruth, deren ernsthafte Aufmerksamkeit auf die verstorbenen Brüder fokussiert zu sein scheint in dem zum Scheitern verurteilten Bemühen, das Wesen dieser Menschen, die ihren Eltern so viel bedeuten, zu erfassen, obwohl sie diese nie kennen gelernt hatte. Wer Irvings Weltsicht von innen besser kennen lernen möchte, dem sei Irvings offener und weitgehend autobiografischer Roman "The World According to Garp" empfohlen: Garp und wie er die Welt sah.
Die Produktion ist alleine schon deshalb zu loben, weil man nicht versuchte, den 700-seitigen Schmöker Irvings in einem Film umzusetzen, sondern sich auf einen der drei Handlungsstränge konzentrierte. So gewann der Film die Luft für seine ruhige Erzählweise, seine gemäldeartigen Bilder und die Kraft der Szenen. Dies alles ist ohne Zweifel sehr gelungen - lediglich eine Verfolgungsjagd - die frustrierte Muse jagd dem übersättigten Künstler mit einem monströsen Messer nach - tangiert peinlich das Slapstick-hafte.
Die Trauer der Trennung, die verzweifelten Versuche, einen Weg zueinander zu finden, die Frustration der Ersatzhandlungen werden selten so überzeugend spürbar wie ein diesem Film. Mit dem Assistenten Eddie und der kleinen Ruth steht der Zuschauer als Augenzeuge unmittelbar am Rand des Abgrunds einer verlorenen Liebe.
Im Original 111 Minuten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film (anamorph), DTS|DD|SDDS (IMDB)
Die Universum Blu-ray vom November 2011 bietet die Original-Länge von 111 min im Original-Format 2,39:1 mit deutschen und englischen Tonspuren in DTS-HD Master Audio 5.1 auf einer 50 GB BD in 1920x1080p MPEG-4/AVC.
Die Features enthalten:
- Making of
- Hinter der Kulissen
- John Irving: Vom Buch zum Film
- Kinotrailer
- Audiokommentar von Tod Williams und dem Produktionsteam
film-jury 4* A0817 29.12.2011eg Genre: Comedy | Drama | Mystery