Ja, so was gab's. Als die Cobra Records 1959 bankrott gingen, war Otis Rush auch seinen Vertrag los. Glücklicherweise schaltete sich Chess Records ein und nahm Rush 1960 für kurze Zeit unter Vertrag. Die sechs Aufnahmen auf diesem Tonträger stammen von einer Session im Jahre 1961.
Albert King wanderte mit einer seiner ersten Bands Ende der 40er - klarerweise - nach Chicago aus, um in der neuen Hauptstadt des Blues Investoren zu finden. Anfang der 50er konnte er mehrere Singles herausbringen, der große Nachhall blieb jedoch aus. 1953 stieg er bei Chess Records ein. Das Ergebnis sind einige schwache Aufnahmen (drei davon auf dieser Compilation). Chess Records behielt ihn jedoch vernünftigerweise bei und es folgten weitere Aufnahmen, zuletzt 1959, die schon einen gereiften, ausgefeilteren King hören lassen.
Albert ist auf vielen Nummern der Compilation, die übrigens schon 1969 veröffentlicht wurde, noch sehr vom heimatlichen Delta-Stil angehaucht. Die Aufnahmen von 1953 sind durchwegs ein anarchistisches Nebeneinander. Die Nummern der Session von 1959 sind dagegen schon etwas wertvoller. Besonders hervorzuheben sind der 1927er Standard "Match Box Blues" (hier als "Searching for a Woman"), der etwas urbanere "California Blues", der dann 1962 auf Stax' "The Big Blues" erscheinen wird und das groovige "Howlin' For My Darling", das ich einfach süperb finde und mich frage, warum er von einem Re-recording abgesehen hat. Die Band um King scheint allerdings gravierende Probleme zu haben; die Musiker kommen nicht zusammen, was auch dazu beigetragen hat, dass die Chess-Aufnahmen nur ein weiteres Kapitel der "Formative Years" wurden.
Otis Rush ist auf der vorliegenden Compilation etwas schusslig unterwegs. Dies war sozusagen seine Erste Zwischenzeit. Andererseits sind "All Your Love", "I'm Satisfied" und "So Many Roads" stark wie immer, stimmlich auf jeden Fall einwandfrei und seine 335 sorgt für feinste Blues-Auren. Der Rest ist solider R&B.
Die vorliegende Compilation ist für mich - sowohl eingefleischter King- als auch Rush-Fan - ein durchaus schätzenswertes Teil. Gelegenheits-Bluesfans sollten jedoch auf Kings Stax-Ära verwiesen werden. Für Leute, die nach Rush-Material suchen, ist die Compilation eine ökonomische Alternative mit durchaus positiven Momenten.
Noch ein Hinweis: Leider liefert der Verlag die CD nicht mehr mit dem Original-LP-Cover von 1969 (wie oben im Bild), sondern mit der "legendary masters series"-Aufmachung.