Es gibt zwei Arten, das finale Studioalbum einer großen Band zu würdigen. Man kann trauern, den guten alten Zeiten nachweinen und sich selbst bedauern, dass eine tolle Ära unwiderruflich zu Ende geht. Oder aber man macht es wie Victory: Die Hannoveraner Rockgruppe ergeht sich nicht in Selbstmitleid, sondern präsentiert ihren Fans ein wahres Kraftpaket mit brandneuen Songs, um sich damit standesgemäß von Fans, Medien und Öffentlichkeit zu verabschieden. Don´t Talk Science, man könnte auch sagen: Mach´s nicht allzu kompliziert, so lauten Titel und Credo der aktuellen Scheibe, die zugleich den Abschluss einer langen, erfolgreichen Karriere bedeutet. Insgesamt 13 Stücke sind darauf zu finden, elf packende neue Victory-Kompositionen plus zwei Covertracks, die allerdings umarrangiert und perfekt auf diese Band zugeschnitten wurden. „Mit Don´t Talk Science schließt sich ein großer Kreis“, sagt Tommy Newton, einer der beiden Gitarristen der Gruppe und zusammen mit seinem Kollegen Herman Frank auch Hauptkomponist von Victory. „Wir haben das umgesetzt, was die Fans an uns immer so sehr geschätzt haben, nämlich gradliniger Rock´n`Roll, der weder typisch deutsch noch englisch klingt, sondern stilistisch eher multikulturell ausgerichtet ist.“ Kein Wunder: In ihrer Blütephase hatten Victory einen amerikanischen Sänger (Charly Huhn), ein New Yorker Management und feierten vor allem auf dem US-Markt riesige Erfolge.
Don´t Talk Science erinnert an diese Ära, ohne sie lediglich zu kopieren. Natürlich muss man automatisch an Erfolgsscheiben wie Don´t Get Mad – Get Even (1986), an Culture Killed The Native (1989) oder Temples Of Gold (1990) denken, wenn man die stilistische Ausrichtung der neuen Songs hört. Aber Victory anno 2011 haben sich weiterentwickelt, allein schon deshalb, weil mit Jioti Parcharidis ein Ausnahmesänger die aktuellen Stücke eingesungen hat. „Charly Huhn war ein toller Sänger und Fernando Garcia zudem ein fabelhafter Frontmann, aber Jioti vereint nahezu alle Qualitäten seiner beiden Vorgänger: Er kann ebenso waschechten Rock´n`Roll singen wie auch melodischere Nummern, ohne dass sie weichgespült klingen.“ Beispiele gefällig? Man höre und staune beim energetischen Opener ´Restless`, bei groovenden Tracks wie ´Speak Up`, ´Love Kills Love`, ´Burn Down The City` oder ´Right Between The Eyes`, dem programmatischen ´Rockstar` oder dynamischen Nummern wie ´Down Load Down` und ´Victim Of Lies`. Abgerundet wird die Scheibe der Musiker Parcharidis, Newton, Frank und ihrer profunden Rhythmusgruppe um Gründungsmitglied Peter ´Fargopedda` Knorn (Bass) und Achim Keller (Schlagzeug) mit zwei Coversongs: ´Waiting For The Wind` von Spooky Tooth bekommt dank Victory einen Refrain und die ursprünglich poppige Pointer Sisters-Nummer ´I´m So Excited` erfährt eine Transformation zur treibenden Rocknummer.
Kein Blick zurück in Zorn oder Trauer also, sondern ein optimistisches Abschiedsgeschenk mit grandiosen Songs von einer der besten deutschen Rockbands: Victory möchten ihre riesige Anhängerschaft mit einem breiten Grinsen zurücklassen, ihnen für ein fantastisches Vierteljahrhundert danken und allen laut zurufen: „Don´t talk science – macht´s nicht zu kompliziert!“
In den Achtzigern und Neunzigern gehörten Victory neben den Scorpions und Accept zu Deutschlands wichtigstem Rock-Exportartikel und zu den wenigen hiesigen Acts, die auch in Amerika bestehen konnten. Im Herbst 1984 entstand unter der Führung von Gitarrist Tommy Newton und Bassist Peter Knorn das Material ihres Debütalbums Victory, für das der international renommierte Rocksänger Charlie Huhn (Gary Moore, Ted Nugent) verpflichtet wurde. Mit Hilfe ihres US-Managers David Krebs (Aerosmith, Scorpions, etc.), der die Musiker zu sich nach New York holte und sie allen wichtigen Plattenfirmen vorstellte, ergatterten Victory einen Vertrag beim Konzernriesen ´Epic` (heute Sony Music). 1985 wurde das vom seinerzeit bedeutendsten Toningenieur Michael Wagener gemischte Debütalbum Victory weltweit veröffentlicht. Noch im gleichen Jahr ging die Band auf US-Tournee: Victory absolvierten 60 Shows in den Vereinigten Staaten inklusive vier der größten Festivals des Landes und ließen sich dabei unter anderem von 80.000 begeisterten Fans beim ´Texxas Jam` Festival in Dallas feiern.
Nach einer personellen Umstrukturierung, bei der mit Herman Frank (Accept und Sinner) der perfekte zweite Gitarrist gefunden wurde, entstanden 1986 das Album Don´t Get Mad – Get Even und ein Jahr später das umjubelte Hungry Hearts. Nach unzähligen Tourneen in Europa und einer weiteren US-Tour endete schließlich das wohl erfolgreichste Victory-Kapitel mit dem lang erwarteten Bühnenwerk That´s Live (1988).
Charlie Huhn verließ die Band, konnte aber mit Fernando Garcia adäquat ersetzt werden. 1989 erschien Culture Killed The Native, mit dem Victory erneut europäische und US-Charts enterten. Eine dritte US-Tournee folgte, in Europa tourte die Band mit Gary Moore. Nach zwei weiteren Studioalben (Temples Of Gold, 1990 und You Bought It - You Name It, 1992) gaben Victory 1993 ein Konzert in ihrer Heimatstadt Hannover, das als Doppelalbum Liveline veröffentlicht wurde. Vier Jahre lang war es danach still um die erfolgreiche Formation. In veränderter Besetzung nahmen Victory 1996 das Studiowerk Voiceprint auf, konnten aber nicht an frühere Glanzzeiten anschließen. Im Frühsommer 2003 kam es zu einer sensationellen Reunion der Originalbesetzung und zur Veröffentlichung des Comeback-Albums Instinct. Acht Jahre sind seither wieder vergangen, acht Jahre in denen sich Victory in vielen Konzerten und auf großen Festivals in ganz Europa weitere Fans erspielten, um allen nun mit Don´t Talk Science ein in jeder Hinsicht würdiges Abschiedsalbum zu schenken. R.I.P.? Nein, stattdessen: Vielen Dank für alles, Victory!